UNTERSUCHUNGEN UEBER DIE SOGENANNTE VÖLSUNGA SAGA

B. SYMONS
1876 Beiträge zur Geschichte der Deutschen Sprache und Literatur  
Nachdem die wüste kritiklosigkeit, die lange zeit das gebiet unserer heldensage zum tummelplatz grund-und zweckloser erklärungsversuche gewählt hatte, einer nüchternen, klaren forschung hat weichen müssen, als deren ausgangs-und höhepunkte wir noch immer die Untersuchungen Wilhelm Grimms und Lachmanns anzusehen berechtigt sind, ist eine heilsame Weiterförderung dieses Studiums zunächst nur von der sorgfältigen prüfung jeder einzelnen quelle und ihres verhaltene zu ändern zu erwarten. Am meisten
more » ... rwarten. Am meisten täte eine solche monographische darstellung den s. g. eddischen liedern not, die viel zu lange als etwas zusammengehöriges sind angesehen worden. Vielversprechende anfange dazu bietet die abhandlung Jessens 1 ): auf die notwendigkeit der prüfung jedes einzelnen liedes und der sagenform jedes einzelnen liedes ist denn auch neuerdings widerholt hingedeutet worden. 2 ) -Der J>iÖrekssaga ist verschiedentlich die aufmerksamkeit in neuerer zeit zugewant worden: es mag hier auf die arbeiten Dörings 3 ), Storins 4 ) und Treutiers 5 ) hingedeutet werden. -Eine eingehende Untersuchung über die sogenannnte Völsunga saga fehlt noch, und doch ist sie in manchen punkten unsere alleinige quelle 1 ) Zs. f. deutsche phil. III, 1-84. 2 ) Vgl. Th. Möbius, zs. für deutsche phil. I, 434 ff. K. Maurer ebend. II, 441 ff. 3 ) Zs. f. deutsche phil. II, 1-79. 265-292. 4 ) Sagnkredsene om Karl den störe og Didrik af Bern hos de nordiske folk, Christiania 1874. 5 ) Zur ThiSrekssaga. Germ. 20, 151 ff. Beiträge aur geichlohte der deutschen spräche. 111. 14 200 SYMOKS für die älteste erreichbare gestalt der heldensage. Die bedauernswerte grosse lücke des codex Regius der Eddalieder versagt uns gerade über die schwierigste partie der sage die erwünschte auskunft, ein verlust, den uns die kurzen, vereinzelten andeutungen der erhaltenen lieder und der sprunghafte, wenig eingehende bericht der Snorra Edda nicht ersetzen können. Die Völsunga saga allein erzählt ausführlich und vollständig diesen wichtigen teil der sage. Ueberdies bietet nur sie die Vorgeschichte von Sigurds ahnen im Zusammenhang. Skandinavische gelehrte haben allerdings der Völsunga saga widerholt ihre aufmerksamkeit zugewant, namentlich Peter Erasmus Müller 1 ), Rudolf Keysei· 2 ) , vor allem aber Sophus ßu<rge in der musterhaften einleituug zu seiner ausgäbe der sogenannten Saemundar-edda 3 ). Die anregimg, die namentlich Bugges Untersuchungen mir gewährt haben, hebe ich um so lieber dankbar hervor, als ich in vielen, ja den meisten punkten zu abweichenden resultaten gelangt bin. -Alle diese Untersuchungen aber sind, wie es die natur der genannten schritten mit sich bringt, nicht eingehend genug, um nicht die Wideraufnahme einer genauen prüfung der unschätzbaren quelle wünschenswert erscheinen zu lassen. Zunächst werde ich suchen, den Charakter und die entstehungsgeschichte der sogenannten Völsunga saga zu bestimmen, dann das Verhältnis zu ihren quellen in den controlierbaren partieen der saga untersuchen, daran eine prüfung der der lücke in R entsprechenden partie schliessen, an die sich endlich eine betrachtung der ersten die Vorgeschichte behandelnden capitel der saga reihen wird. Erstes Capitel. Charakter und entstehungsgeschichte der saga. Die Völsunga saga ist uns überliefert in einer einzigen isländischen pergamenths. (no. 1824 b. 4°) der königlichen biblio-') Sagabibliothek (SB) , 36-108. 2 ) efterladte skrifter I, 346-360. 3 ) norroen fornkvaeöi eto. udg. af Sophus Bugg* (Ghria 1867) s. XXXIV-XLI. ) Her. in Möbius Edda (Leipzg. 1860) s. 240-254, nach cod. AM 604 G. 2 ) Näheres unten. 3 ) So z. b. wenn die heiraten Sigis und Rerirs, von denen der sagaschreiber nichts wüste, näher bestimmt werden. Ersterer wirbt um die Schwester zweier brüder in , letzterer wird durch die ehe mit IngigerÖr, könig Ingis tochter, herr von Svia-ok Garöariki (str. 86-94). Wer möchte darin etwas sagenhaftes sehen? SYMONS Hringdölum, }?ar tu er kann var drepinn ... Ragnarr lodbrok atti siÖar A'slaugu, dottur SigurÖar Fäfhisbana.' -Landnämabok selber, obwol verschiedentlich von Ragnars geschlecht die rede ist, weiss nichts von dieser genealogie; die handschriftengruppe aber, die jene beilage enthält, ist eine jüngere, aus der ältesten Landnama undHauksbok zusammengesetzte recension. 1 ) 2. Der jüngere, ausfuhrlichere prolog zur Sverris saga aus Fl&teyjarbok 2 ) kennt diese genealogie, während der ältere, kürzere 3 ) nichts davon weiss. 3. In der O'lafs s. Tryggv. findet sich die einführung nur in der ausführlicheren redaction der saga, wie, mit einfiigung verschiedener J?settir und sögur, die Flateyjarbok und Fms. I -III sie darbieten. Die kürzere redaction Snorris kennt sie nicht. 4. Die FostbrceÖra saga, die in Fläteyjarbok als teil der O'lafs s. h. helg. erscheint, erwähnt Aslaug im eingange gleichfalls. 4 ) Auch cod. AM 132 fol. aus der ersten hälfte des 14. Jahrhunderts kennt diese genealogie. 5 ) Allein, wenn auch wirklich die älteste recension dieser vielfach umgestalteten saga sehr früh zu setzen ist 6 ), gibt uns dies dennoch kein recht, die erwähnung der Aslaug dieser bereits zuzuschreiben. Keinesfalls ist uns die älteste recension erhalten: überdiesund dies gilt auch für andere denkmäler -darf man bei isländischen membranen, besonders der Islendinga sögur, auf kleine züge, wie die genealogien, kein grosses gewicht legen, da bei der eigentümlich freien Stellung der abschreiber ihren vorlagen gegenüber zusätze und ergänzungen wie auslassungen und änderungen ganz gewöhnlich sind. 7 ) 5. Flatcyjarbok kennt Aslaug noch öfter in den genealo* ') Vgl. l'sl. Sog. I, s. XXXVIII ff. 2 ) Fiat II, 533 ff. Fms. VIII, l ff. 3 ) Fms. VIII, 5 ff. 4 ) Fiat. II, 93. 5 ) Ausg. von Gislason in den Nordiske Oldskrifter XV (Kbhv. 1852) s. 5.°) SB I. 153 ff. Grönlands histor. mindesm. II, 270 f. 7 ) Darüber vgl. besonders Möbius, über die altnordische philologie im skandinavischen norden. Leipz. 1864, s. 24 ff.
doi:10.1515/bgsl.1876.3.2.199 fatcat:3qprtfe2ebarzi5lb3t5gmj46i