Wiedernutzung von Brachflächen : eine Dokumentation von Fallbeispielen [article]

Rainer Kahnert, Katrin Rudowsky, Universität Stuttgart, Universität Stuttgart
2004
Vorwort Seit der Rio-Deklaration von 1992 dokumentieren eine Vielzahl von Forschungsvorhaben und Projekten das Bemühen, die Ziele einer nachhaltigen Entwicklung in der Siedlungspolitik zu verwirklichen. Konkretisierung und Umsetzung dieses Leitbildes waren und sind Themen internationaler Konferenzen wie z. B. Habitat II oder des im Jahr 2000 stattfindenden Städtebaukongresses Urban 21. Nationale Wettbewerbe wie "Regionen der Zukunft" und "Städte der Zukunft" sowie die in mittlerweile
more » ... Kommunen begonnenen Agenda 21-Prozesse belegen die andauernde Aktualität des Themas. Programmatische Aussagen und projektorientierte Umsetzung in M odellvorhaben prägen die Lern-und Spannungsfelder einer nachhaltigen Zukunftsgestaltung. Haushälterische Bodenpolitik, ökologisch orientiertes Flächenmanagement, umweltverträgliche Verkehrsgestaltung und eine vorsorgende Umweltpolitik bei allen Bau-und Sanierungsvorhaben stellen dabei wichtige Handlungsfelder dar. Die jüngste Studie der Enquete-Kommission "Schutz des M enschen und der Umwelt" erhebt unter anderem die Forderung nach einem Einfrieren unseres weiteren Flächenverbrauchs bis 2010 auf die 10%-ige Rate des Verbrauchs zwischen 1993 und 1995. Zunehmender Nutzungsdruck auf die Flächen, die Verschärfung interkommunaler und regionaler Konkurrenz angesichts international agierender Unternehmen und steigende Wohnraum-und Erholungsansprüche zwingen die Kommunen immer mehr zu Problemlösungen über die Gemeindegrenzen hinweg. Das neue Schlagwort heißt Kooperation -Kooperation zwischen einzelnen Kommunen, zwischen Kernstadt und Umland, in Städtenetzen bis hin zu transnationalen Projekten über die Landesgrenzen hinweg. Um eine bessere Umsetzung der Ressourcennutzung zu erreichen, fordert die Enquete-Kommission, Leitbilder, Ziele, Instrumente und M aßnahmen stärker aufeinander zu beziehen. Auch die Frage nach dem richtigen Instrumenteneinsatz und -mix steht im M ittelpunkt der Diskussionen. Dabei geht es in der Frage der Siedlungs-und Verkehrspolitik einerseits darum, steuernd und begrenzend auf die nach wie vor hohe Flächeninanspruchnahme einzuwirken, und andererseits auch die M öglichkeit zu bieten, Zielkonflikte zu bearbeiten und umsetzungsorientierte Konzepte zu erstellen. Die Rolle von ökonomischen Instrumenten rückt dabei ebenso ins Blickfeld wie die Frage nach der Wirksamkeit von Instrumenten der Kommunikation und Kooperation, bei denen die Akteure Politik, Verwaltung, Investoren, Verbände und Bürger einbezogen werden. In diesem Spannungsfeld von Globalisierung und Regionalisierung, ökonomischen Imperativen und kooperativen Lösungen bewegt sich auch das hier beschriebene, vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Projekt "Nachhaltige Entwicklung für Deutschland -Ansätze im Handlungsfeld ´Bauen und Wohnen'". Ziel dieses Projektes ist es, wesentliche Themenfelder für einen nachhaltigeren Umgang mit Siedlungsflä-chen (insbesondere mit Gewerbeflächen) in Stadt und Region zu identifizieren und dabei besonderes Augenmerk auf die Kooperation der verschiedenen Akteure zu legen. Ins Blickfeld rückt dabei der gesamte Planungs-, Bau-und Umnutzungsprozeß in Gewerbeund Industriegebieten. Untersucht werden Strategien eines nachhaltigen Flächen-, Stoffstrom und Bestandsmanagements sowie die Frage nach M öglichkeiten, gestalterische Ansprüche an Architektur, Städtebau, Freiraum-und Landschaftsplanung einzulösen. Ein Auftaktworkshop 1 befaßte sich mit den organisatorischen Voraussetzungen und Umsetzungsbedingungen neuer Kooperationen zwischen den beteiligten Akteuren. Die Teilnehmer des Workshops setzten sich dabei mit der Frage nach zentralen Handlungsfeldern, nach Handlungsmöglichkeiten und -spielräumen der einzelnen Akteure und nach dem geeigneten Einsatz von Instrumenten, v.a. der "weichen" Instrumente der Kommunikation und Kooperation, auseinander. Zwei Handlungsfelder, in denen eine stärkere Kommunikation gefordert ist, stellten sich als wesentlich heraus: • Die Wiedernutzung von Brachflächen: M angelnde Kommunikation unter den betroffenen Akteuren führt dazu, daß Brachflächen nur schleppend in den planerischen Prozeß wieder aufgenommen werden, sei es aus M angel an potentiellen Investoren, sei es, um mögliche Konflikte zu vermeiden, z. B. bei der Frage der Behandlung von Altlasten, der Nachnutzung bestehender Gebäude oder eines sozialverträglichen Umgangs mit Bewohnern dieser Flächen, sofern diese bei einer neuen städtebaulichen Konzeption umgesiedelt werden müßten. Dies führt dazu, daß neue Investoren nur schwer zu finden sind. Eine Wiederverwertung gemäß deren Zeitvorstellungen ist kaum leistbar. Außerdem kann das Belassen von Brachflächen ohne sanierende und gestaltende Eingriffe zu einem Imageverlust des Quartiers und angrenzender Stadtteile beitragen. Dies erschwert erneut ihre Wiederverwertung. • Die interkommunale Kooperation zur Neuausweisung von Gewerbegebieten: Durch die Vergrößerung des Aktionsradius von Unternehmen über die einzelne Gemeindegrenze hinaus ist die zwischengemeindliche Konkurrenz um Standorte und Unternehmen so groß geworden, daß sich Alleingänge bei der Ausweisung von neuen Gewerbegebieten immer weniger lohnen. Vor allem die Regionalplanung drängt aus diesem Grund und um weitere Flächeninanspruchnahmen auf infrastrukturell günstige Standorte zu lenken, verstärkt auf interkommunale Kooperationen zu regional bedeutsamen Entwicklungsschwerpunkten für Industrie und Gewerbe. Auch wenn das Kooperationsprinzip von den betroffenen Akteuren befürwortet wird, bestehen 1 Langer, Kerstin (1998): Organisatorische Voraussetzungen und Umsetzungsbedingungen für eine nachhaltigere Gestaltung von Gewerbe-und Industriegebieten. -Workshop-Dokumentation. Arbeitsbericht der Akademie für Technikfolgenabschätzung, Nr. 109
doi:10.18419/opus-8549 fatcat:qbf7ycqa45a5pbt53gxfuvog2u