Die üblichen Verdächtigen. Das Bild des Kriminellen bei Quételet und Galton

Paul Fleming, Mediarep, Philipps Universität Marburg, Sibylle Peters, Martin Jörg Schäfer
2018
Während es sicherlich schon immer durchschnittliche Menschen gegeben hat, ist der Begriff selbst, als Produkt der modernen Sozialstatistik des 19. Jahrhunderts, relativ neu. Im Zuge der zunehmenden Bedeutung von Statistiken lösen Wahrscheinlichkeiten, Neigungen und Tendenzen die bisherigen Zentralkategorien, sei es die der Seele oder der Vernunft, in den Diskussionen über das Wesen des Menschen ab. Bezeichnete die Aufklärung das Individuum als Sitz der Vernunft, so verlagerte die junge
more » ... der Statistik diesen Ort der Ratio vom Subjekt zur Gesellschaft. Denn selbst wenn das Individuum dem Diktat der Vernunft nicht folgt oder nicht folgen kann, zeigt die Gesellschaft als Ganzes eine bemerkenswerte Regelmäßigkeit und Berechenbarkeit, eine Art universeller ›Rationalität‹ innerhalb einer Welt, die sonst von individueller ›Irrationalität‹ bestimmt zu sein scheint (vgl. Gigerenzer 1989: 37-38). Aus dem scheinbaren Chaos der individuellen Handlungen entsteht so ein konsequentes Handlungsmuster, das innerhalb der Grenzen der Wahrscheinlichkeit erforscht, kalkuliert und vorhergesagt werden kann. Der Name für diese Stabilität in großen Zahlen ist l'homme moyen. Zwei Denker im Besonderen, die jedoch hinsichtlich ihrer Einschätzung und Mobilisierung dieses theoretischen Begriffs prinzipiell gegensätzliche Ansichten vertreten, bestimmen den Diskurs über den durchschnittlichen Menschen im 19. Jahrhundert: der belgische Statistiker Adolphe Lambert Quetelet, der den Begriff in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts einführte, und der britische Wissenschaftler und Statistiker Francis Galton, der 1883 den Begriff ›Eugenik‹ prägte. Nach Quetelet handelt es sich beim Durchschnittsmenschen um ein statistisches Konglomerat und eine Vergleichsfigur, anhand derer sich die Tendenzen einer Gesellschaft kristallisieren und verständlich machen lassen. Als Erzeugnis einer Reihe von Zahlen ist Quetelets durchschnittlicher Mensch ein moderner numerischer Jedermann, welcher zugleich ein Niemand ist. Er ist -laut Quetelet -»un être fictif« (Quete-
doi:10.25969/mediarep/2414 fatcat:sk7ly5tsl5bzhmbv4ozoxycdda