Explosive Vanitas [chapter]

Julia Catherine Berger
2021 Vanitas und Gesellschaft  
Fotografie und Videokunst sindim Gegensatz zur Malereiauf den ersten Blick der Linearität der Zeit verpflichtet und verfügen zugleich über die technischen Möglichkeiten, diese zu manipulieren. Dadurch ergibt sich ein neues ästhetisches Potenzial hinsichtlich der Darstellung heutzutage immer noch virulenter Themen wie Tod und Vergänglichkeit, die sich bereits in der frühneuzeitlichen Vanitas-Motivik finden. Am Beispiel des israelischen Fotografen Ori Gersht soll in diesem Beitrag eine
more » ... sche künstlerische Position vorgestellt werden, die das dem Vanitas-Repertoire eigene Motiv der Blume wieder aufnimmt, aktualisiert und dieinsbesondere im Hinblick auf eine Diagnose aktueller gesellschaftlicher Tendenzen wie u. a. Gewalt, Konsumkultur oder fortschreitender Entpersonalisierungvielschichtige Deutungsweisen zulässt. Nach aktueller Forschungslage ist zu beobachten, dass in den Künsten der Gegenwart, und so auch in der Fotografie, ein großes Interesse an Themen wie Tod und Vergänglichkeit herrscht, die beachtenswert häufig mithilfe von Symbolen des 16. und 17. Jahrhunderts dargestellt werden. 1 Totenschädel, brennende Kerzen, Spiegel oder Schmuck repräsentierten in ihrem ursprünglichen Kontext des Vanitas-Stilllebens die Endlichkeit des irdischen Lebens, mahnten vor Eitelkeit und wurden der Allmächtigkeit und Ewigkeit Gottes gegenübergestellt. 2 Dies führte einerseits dazu, "die Bedeutung des christlichen Jenseits [und damit den Stellenwert der Kirche, Anm. der Verf.] zu steigern" 3 , andererseits wurde die irdische Zeit als finalistisch bzw. teleologisch bewertet. 4 Karen Gloy beschreibt
doi:10.1515/9783110716016-006 fatcat:arzwfmtlvvfctmqkiy7xmv7moa