Die Ruhegehalts-, Witwen- und Waisenkasse für deutsche Rechtsanwälte und die Versicherungskasse für die Aerzte Deutschlands a. G. zu Berlin

1910 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Am 21. Juli 1909 hat die Ruhegehalts-, Witwen-und Waisetikasse der deutschen RechtsanwäJte ihren Betrieb eröffnet. Die Vorarbeiten haben nicht weniger als 24 Jahre gewährt, denii bereits 1885 wurde die Hilfskasse für deutsche Rechtsanwälte gegründet, und wenn sie auch inzwischen die Standesgenossen und deren Hinterbliebene in Notfällen unterstützt hat, so war ihr eigentlicher Zweck doch die Ansammlung von Geld für eine Ruhegehalts-, Witwen-und Waisenkasse. Diese Ansammlung ist in großartigem
more » ... t in großartigem Maßstahe gelungen. Es konnte der neuen Kasse ein Patengeschenk von 500 000 M gegeben werden, und gleichwohl wurden zur Fortsetzung der bisherigen Hilfstätigkeit weitere 800 000 M übrig behalten. Nach so lang bedachter Vorbereitung und bei so glänzender Fundierung mußte nun ja wohl etwas Tüchtiges zustande kommen. Das ist denn auch in so hohem Maße der Fall, daß die Eröffnung bei einer Gesamtzahl von 9000 deutschen Rechtsanwälten alsbald mit 700 Mitgliedern und einer ersten Gesamtjahresprämie von 254 663,65 M bzw. einer Durchschnitts-Einzelprämie von jährlich mehr als 360 M erfolgen konnte. Wer, wie Schreiber, seit Jahren für den gleichen Gedanken im äiztlichen Stande wirkt und feststellen muß, daß unsere Standeskasse, die Versicherungskasse für die Aerzte Deutschlands a. G. zu Berlin, trotz bereite 29jiihriger gesegneter Arbeit zurzeit von mehr als 30 000 Standesgenossen nur wenig mehr als 2000 zu ihren Mitgliedern mit einer Gesamtjahresprämie von etwa 400 000 M zählt, der empfindet wohl ein Gefühl wehmütigen Neides. Aber man muß auch gerecht sein. Die traditionelle Berufsauffassung und Gedankenwelt des deutschen Arztes ist eben und war es vor allen Dingen früher -vorwiegend eine ethische oder wissenschaftliche, und trotz des praktischen" Namens war der Arzt bisher nur allzuoft unpraktisch human und weltabgewandt altruistisch. Die Berufstätigkeit aber des Anwalts hat von jeher einen starken Einschlag von Geschäftlichkeit gehabt und bewirkt demgemäß bei den Anwälten umgekehrt von jeher eine zumeist nüchtern praktische und nur ausnahmsweise idealistisch für den lieben Nächsten schaffende Berufsauffassung.1) Dies soll wahrlich nichts weniger als ein Vorwurf für die deutschen Anwälte, sondern lediglich eine Entschuldigung für uns Aerzte und zugleich eine Mahnung an uns selbst sein, die wir bei unserer Fürsorge für die allgemeine Gesundheit und die uns anvertrauten besonderen Kranken nur zu leicht die Fürsorge für unsere eigenen Hausgenossen und für uns selbst zu vergessen pflegen. Es ist ferner zu bedenken, daß das Versicherungswesen in wissenschaftlicher Erkenntnis und geschäftlicher Betätigung sich im Laufe der letzten 30 Jahre ganz außerordentlich entwickelt hat und demgemäß denn auch das Verständnis für seinen Wert in den Köpfen der Menschen ganz außerordentlich fortgeschritten ist. Endlich darf man nicht vergessen, daß die deutschen Aerzte ancrkanntermaßen seit vielen Jahren wirtschaftlich unter Druck leben. Aber dies alles zugegeben, liegt der Erfolg der neuen Kasse doch auch zugleich in deren Einrichtungen. Die Fürsorge erstreckt sich auf die Invaliden, Alterssiechen und Hinterbliebenen des Standes und kann geschehen: a) nach Tarif A für die Ruhegehalts-, Witwen-und Waisenrente gleichzeitig, h) " , B nur fur das Ruhegehalt, e) " " C " die Witwen-und Waisenrente. Es sind dieselben Einrichtungen, die die Standeskasse der Aerzte auch besitzt, aber sie sind in der neuen Kasse ganz besonders entgegenkommend gestaltet: Die Aufnahme geschieht ohne ärztliches Gesundheitszeugnis und ohne ehrenwörtliche Gesundheitserklärung. Dem darin für die Kasse liegenden Risiko wird durch eine fünfjährige Karenzzeit entgegengewirkt. -Während der Karenzzeit werden die Prämien im Falle des Todes oder der Invalidität zurückgezahlt. -Die Versicherung geschieht in fünf Klassen und mit gleichmäßigen Jahresbeiträgen von 50, 100, 200, 300, 400, 500 M. -Die Renten sind mit der Mitgliedsdauer steigend und betragen: (Siehe die Tabelle auf S. 1282.) Die Rente steigert sich bei A je nach der Zeitigkeit des I) Ich kann dieser allgemeinen Differenzierung des Rechtsanwaltsund Aerztestandes durchaus nicht beipflichten.
doi:10.1055/s-0028-1142907 fatcat:2ef4fqojrvca7oha3hbuxendau