Zur Uebertragung der Cholera asiatica durch Nahrungsmittel

1892 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
in Brüel i. M. Die besondere Aufmerksamkeit, weiche man in letzter Zeit jeder Art von Choleraübertragung zuwendet, richtet sich mit Recht auch auf die verschiedenen Lebensmittel. Zweifellos liegt der Gedanke nahe, dass gerade in den am leichtesten auf Reisen mitzuführenden Nahrungsmitteln -Brod, Butter, Käse -die Krankheitskeime ihren Sitz haben und mit diesen nach gesunden Gegenden verschleppt werden. Wie weit dies in der That der Fall ist, muss allerdings die eigens auf diesen Punkt
more » ... sen Punkt gerichtete Forschung nachweisen. Einwandsfreie Fälle von Uebertragung der Cholera asiatica durch Lebensmittel scheinen nach einer der neuesten Veröffentlichungen aus dem institute für Infectionskrankheiten (K os sel, Deutsche medicinische Wochenschrift 1892 No. 45) nur sehr vereinzelt beobachtet zu sein; es ist daher vielleicht für weitere Kreise von Wichtigkeit, von dem unten beschriebenen Falle, der dem von Kossel veröffentlichten einigermaassen entspricht, Kenntniss zu nehmen. Hier wie dort sehen wir, dass aus der verseuchten Stadt Hamburg gesunde Menschen in völlig seuchenfreies Gebiet auswandern, aber alsbald zeigt sich die Krankheit in der Umgebung der Flüchtlinge, und als Grund dafür kann man mit einiger Wahrscheinlichkeit die mitgeführten Esswaaren ansprechen. Es würde den uns durch R. Koch vertraut gemachten Anschauungen über den Cholerakeim entsprechen, wenn wir annehmen, dass die Hamburger selbst, soweit sie mit gesundem Magensaft ausgerüstet sind, ungestraft die pilzhaltigen Speisen geniessen dürfen, wagt sich aber ein kranker Magen daran, oder bereiten sich die ungewohnten Nahrungsmittel ihr Feld selbst vor, so erfolgt natürlich der Ausbruch der Krankheit mit allen ihren Schrecken. Der Hergang selbst war folgender: Am 2. September d. J. morgens 9 Uhr wurde ich zu der 5ßjährigen Arbeiterfrau A. in Brüel gerufen, da dieselbe mit Brechen und Durchfall erkrankt sei. Es war mir bekannt, dass bei der Frau A. seit einigen Tagen ihr Schwiegersohn aus Hamburg mit Frau und zwei Kindern im Alter von 3 bezw. 1 Jahr zum Besuch anwesend sei. Am ') Deutsche medicinische Woehenschrift 1892 No. 36. Tage zuvor hatte ich diese Familie auf Anordnung der Ortsobrigkeit auf ihren Gesundheitszustand untersucht und dabei als völlig gesund befunden. Ich fand die Kranke mit aschgrauem Gesicht, tiefliegenden schwarzumränderten Augen, im Zustande der grössten Hinfälligkeit. Es bestand, anhaltendes Erbrechen, aus dem After lief fortwährend einegeringe Menge einer hehigrauen dünnen Flüssigkeit; dabei klagte die Kranke über sehr' heftigen Durst und quälende krampfartige Schmerzen in den Waden Es gehörte kein besonderer Grad von Scharfsinn dazu, um zu sehen, dass hier aller Wahrscheinlichkeit nach ein Fall von hebter Choiera asiatica vorlag, eine Ansicht, der sich der Kreisphysicus Herr Medicinairath Dr. Griewank in Bützow mit grosser Entschiedenheit anschloss, und die einige Tage später durch Untersuchung der Ausleerungen im pathologischen Institut in Rostock vollkommen bestätigt wurde. Da sachkundige Pfleger nicht sogleich zu beschaffen waren, so übernahm die (aus Hamburg zugereiste) Tochter der Frau A. vorläufig die Wartung der Kranken und behielt das kleinste Kind bei sich. Letztere drei Personen wurden bis zu ihrer Ueberführung in's Cholerakranlienhaus in der Wohnung der Erkrankten zurückgehalten. Während nun im Befinden der Frau A. bei rein abwartendem Verfahren -die Behandlung bestand, nachdem sich das Opium als wirkungslos erwiesen hatte, in der Zuführung von Getränken in jeder Form, Eis, heissen Einwickelungen u. dgl. -eine deutliche Besserung am nächsten Tage eintrat, zeigten sich bei dem Kinde der Pflegerin am Mittag des 3. September plötzlich choleraähnhiche Erscheinungen, denen es binnen 30 Stunden erlag. Auch bei diesem Falle handelte es sich, wie mir 'Herr Medicinahrath Griewank später in liebenswürdiger Weise mitgetheiht hat, um Cholera asiatica, Bei näherem Nachforschen stellte sich nun heraus, dass die zugereisten Hamburger Lebensmittel, die aus Hamburg stammten, mitgeführt hatten, angeblich nur Butter und Brod. Alle Familienglieder hatten davon gegessen, ebenso die zuerst erkrankte Frau A. Letztere gab selbst mit grosser Bestimmtheit an, das betreffende Brod müsse nicht gut gewesen sein, da ihr alsbald nach dem Genusse desselben leg" geworden sei. Die Wohnung der Hamburger befand sich zu jener Zeit Süderstr. 44 1, wie weit diese Gegend damals verseucht gewesen ist, lässt sich nach den hier zugänglichen Quellen nicht feststellen. Es erübrigt noch hinzuzufügen, dass weder in der Stadt Brüel noch in deren Umgebung weitere verdächtige Fälle vorgekommen sind. 24. November.
doi:10.1055/s-0029-1199548 fatcat:a7vot32mgrd2ldrrfdaogo2xey