Francia-Recensio 2014/1 Frühe Neuzeit-Revolution-Empire (1500-1815)

Philip Soergel, Sabine Holtz
unpublished
Die vorliegende Studie befasst sich mit Wunder(zeichen)büchern, wie sie im lutherischen Deutschland um die Mitte des 16. Jahrhunderts in Gebrauch kamen. Terminologisch grenzt Soergel diese »wonder books« von den bereits im späten Mittelalter und dann im frühneuzeitlichen katholischen Raum weiterhin gebräuchlichen »miracle-books« ab (S. 31f.). Unter Mirakelbücher versteht Soergel Sammlungen von Wunderberichten, die meist auf einen Heiligen bezogen waren, dem diese Wunder zugeschrieben wurden. Im
more » ... Unterschied dazu sind Wunder(zeichen)bücher Sammlungen von ungewöhnlichen Naturphänomenen, seien es beispielsweise ungewöhnliche Himmelszeichen, Blutregen, Kometen oder Missgeburten. Das Ereignis, das als Wunderzeichen verstanden wurde, hatte den Charakter des Wunderbaren, es ließ sich nicht aus der Natur erklären. Luther selbst war gegenüber der funktionalen Deutung dieser Wunderzeichen eher skeptisch eingestellt (Kapitel 2): »he upheld the greater power and authority of the scriptures when compared to the book of nature«, wenngleich er einräumte, dass die Natur »might still speak with a divine voice« (S. 66). Trotz dieser Skepsis war somit ein potentieller Ansatzpunkt für eine Instrumentalisierung der Wunderzeichen im Luthertum gegeben. Die Gattung der Wunder(zeichen)bücher erlebte erst nach Luthers Tod einen Höhepunkt in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Soergel untersucht in seiner Studie die aus diesem Zeitraum stammenden Wunder(zeichen)bücher von Job Fincel, von Caspar Goltwurm und Christoph Irenaeus. Alle drei stimmten darin überein, dass diese Wunderzeichen als Warnungen an die sündhafte Menschheit verstanden werden sollten. Den Traktaten lag deshalb ein mehr oder weniger einheitlicher Aufbau zugrunde. Nach einer Schilderung der Wunderzeichen selbst wiesen die Autoren in ihren Traktaten darauf hin, dass die Wunderzeichen eine Strafe Gottes ankündigten. Im sich anschließenden dritten Teil wurde auf die Notwendigkeit zu Buße und Umkehr hingewiesen. Dort, wo zuvor lutherische Geistliche zur Predigt des Gesetzes geraten hätten, entwickelten die Autoren mit den Wunder(zeichen)büchern eine neue theologische Gattung, mit deren Hilfe sie glaubten, die evangelische Christenheit besser auf den rechten Weg führen und so vor ewiger Verdammnis bewahren zu können. Soergel weist in seinen Ausführungen auch auf die Erfahrung der vergeblichen Bemühung der Autoren der Wunderbücher hin. Nicht alle Leser teilten, so Soergel, die Weltsicht ihrer Geistlichen: »As this study has shown, these theologians often went to enormous lengths to protect that doctrine [sola fides], even as they realized that many of their parishioners were not heeding their message« (S. 183). Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de
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