[Rezension von: Lieve lasten] [article]

Peter J. Bräunlein, Universitaet Tuebingen
2020
ist im Tropenmuseum zu Amsterdam eine Ausstellung zu sehen, die kulturvergleichend darstellt wie Kinder in ihren ersten Lebensmonaten-und Jahren von ihren Vätern und Müttern getragen werden. Zunächst mag diese Ausstellungsidee kurios wirken, doch bei näherer Betrachtung erscheint das Vorhaben originell, ja man trägt sich, warum das Thema nicht schon längst in dieser Form bearbeitet wurde. Was für unsere Kultur seit Jahrhunderten so selbstverständlich ist, nämlich das (Weg-) Legen von Säuglingen
more » ... egen von Säuglingen und Kleinkinder in Wiegen oder separate Kinderbetten, wirkt im Kulturvergleich marginal und seltsam. Weltweit üblicher ist hingegen das Tragen von Säuglingen und Kleinkinder direkt oder nahe am Körper. Daß der Blick auf diese Praxis zwangsläufig Aufschluß über frühkindliche Sozialisation, auf das (Vertrauens-) Verhältnis und die Kommunikation zwischen Eltern und Kindern gibt, liegt nahe. Erst in den reformpädagogischen Bemühungen der 70er Jahre stellte man althergebrachte Erziehungsmethoden unserer Kulturtradition in Frage und entdeckte allmählich Alternativen. Der Blick auf andere Kulturen spielte dabei eine wichtige Rolle. Oft wurden bei dieser Suche Vertreter femer Völker, bevorzugt Indianer Nord-, Mittel-u. Südamerikas, zu Heilsbringem stilisiert. Der geschichtliche und kulturelle Kontext fremder Gesellschaften wurde allzuoft mißachtet oder verzerrt dargestellt. Die amerikanische Bestseller-Autorin Jean Liedloff etwa propagierte das ständige hautnahe Tragen von Kleinkindern als die Methode (und notwendige Voraussetzung) für ein unbeschädigtes, glückliches Dasein in unserer (prinzipiell kranken) Zivilisation. Angeregt dazu wurde sie durch ihre Begegnung mit Indianern in Venezuela, die in Liedloffs (romantisch-selektiven) Sichtweise zur zeitlos glücklichen Urgesellschaft schlechthin geraten (zur Kritik an dem ethno-pädagogischen Bestseller siehe den Aufsatz von B. Baudler in diesem kea-Heft). Der vorliegende Katalogband ermöglicht mit seinen 25 Beiträgen einen differenzierten Blick auf Aspekte fruhkindlicher Erziehungspraktiken. Aufgrund der gewählten Perspektive (Transport/Tragen von Kleinkindern) stellt der Katalogband gleichzeitig einen Beitrag zu einer "Ethnologie des Körpers" dar. Die in Bild und Text dargestellten Beispiele dienen zwar schwerlich als Handlungsanleitungen für die Rettung der zivilisationsgefährdeten Kinder-Seele. Jenseits falscher Fremd-Erwartungen sind jedoch bedenkswerte Anregungen für die eigene Erziehungspraxis enthalten. In den Beiträgen des ersten Teils wird das Kindertragen allgemein kulturhistorisch und ethologisch (heulende Kinder und Kinder-Tragen im Kulturvergleich, Affen-Mütter, die Känguru-Methode) untersucht. Im umfangreichen zweiten Teil werden Bei-
doi:10.15496/publikation-50747 fatcat:le25jv6yxjbz7mut4jkunk34hy