Joseph Bernharts umwegige Biografie gibt zu denken

Bernd J. Claret
2015
Der folgende Versuch einer theologischen Reflexion des Lebensweges von Joseph Bernhart -"seit 1904 katholischer Priester, seit 1913 verheiratet" -im Licht seines profunden theologischen Lebens Werkes basiert auf seinen Torso gebliebenen "Erin nerungen 1881-1930", seinen "Tagebüchern und Notizen 1935-1947" und sonstigen Selbstaussagen.* Wenn Joseph Bernhart seine "Erinnerungen"! gleich schon in der "Vorbemerkung" damit beginnt, dass er unverblümt -d.h. frei heraus (in der Freiheit, zu der er im
more » ... heit, zu der er im Verlauf seines Lebens gefunden hat) -mitteilt: "Der Verfasser, seit 1904 katholischer Priester, seit 1913 verheiratet, unternimmt hier im hohen Alter die Darstellung seines Lebensganges"* 1 2, dann ist klar, dass auch nach Bernharts eigenem Verständnis die Tatsache seiner Verheiratung in seinem Leben und Denken ein so hohes Gewicht hat, dass sie bei jeder Zeichnung ei nes Lebensbildes dieses Mannes, und sei es auch noch so kurz und umrisshaft, nicht aus geblendet werden kann. Bis heute ist es aber nicht ganz einfach, über die Biografie Bern harts offen zu sprechen, da sich das folgende Problem stellt: Der "Lebensgang66 Joseph Bernharts evoziert eine brisante Frage Wenn wir es bei Bernhart tatsächlich mit einem der tiefschürfendsten und tiefsinnigsten Theologen des vergangenen Jahrhunderts zu tun haben, wie in der Bernhart-Forschung immer wieder behauptet und betont herausgestellt wird, und dieser ehrliche Mann, dem Christus und seine Kirche alles bedeutet haben, seinen Lebensweg gerade dort, wo er ver schlungen sich zeigt, als von Gott so gefügt begreift, und noch dazu glaubwürdig versi chert, bei seiner Verheiratung als geweihter katholischer Priester der inneren Stimme sei nes Gewissens und damit dem Anruf Gottes gefolgt zu sein, wenn Bernhart aus gutem Grund als ein "wahrhaft Glaubender" (im Sinne von Klaus Demmer3) bezeichnet werden Die zentralen Gedanken und die darin implizierten Thesen dieses Beitrages wurden auf der Jahresversamm lung der Joseph-Bemhart-Gesellschaft e.V. in Türkheim am 25. November 2006 erstmals vorgetragen. Der Titel des Vortrages lautete damals: "Seil 1904 katholischer Priester, seit 1913 verheiratet". Das biografische Profil Joseph Bernharts. -Der jetzt gewählte Titel lässt an den griffigen Lieblingssatz von Paul Ricoeur (1913-2005) denken (s. unten Anm. 4). 1 J. Bernhart. Erinnerungen 1881-1930. I. Teil: Text; II. Teil: Anmerkungen und Dokumente. Hg. von M. Weitlauff, Weißenhom 1992. 2 Ebd., 111. 3 Was Klaus Demmer über "den wahrhaft Glaubenden" schreibt, trifft en détail auf Joseph Bemhart zu: "Der wahrhaft Glaubende ist ein Grübler, die Theodizeefrage beschäftigt ihn zeitlebens, er kommt mit ihr an kein Ende. Dazu liefert ihm das eigene Geschick genügend Stoff, seine Anfälligkeit und die Irrwege und Umwege geben ihm keine Ruhe. Hinzu tritt seine Außenseitersituation, er kommt gar nicht daran vorbei, Nachteile in Bernd J. Clare! kann, dann gibt sein Lebensweg -gerade denen, die in der Spur Jesu Christi ihren Le bensweg gehen wollen -einige Rätsel auf. Er gibt (wie ein Symbol im Sinne von Paul Ricoeur) zu denken (d.h. evoziert die Reflexion und ruft nach Interpretation)4, und zwar hinsichtlich der recht heiklen Frage, ob es denn nicht sein kann, dass ein Mensch, der um seine Berufung ringt, eines Tages aufgrund bestimmter Lebensumstände, die er sich nicht selbst herausgesucht hat und die mit persönlicher Schuld nicht allzu viel zu tun haben müssen, eingeladen oder gar gezwungen wird zu erkennen, dass er sich mit seiner ersten fundamentalen Option in eine Situation gebracht hat, die er zu gegebener Zeit wieder ver lassen muss, sobald ihm die klare Erkenntnis zuwächst, dass er "fehl am Orte"5 ist. Das eingehende Studium von Bernharts Biografie ist riskant. Denn sie lädt dazu ein, die eigene Berufung und den eingeschlagenen Lebensweg noch einmal zu bedenken (und zwar im zweifach-schillernden Sinne), und stellt geradezu provokant vor die Frage, ob es nicht sein kann, dass ein Mensch gerade dadurch schuldig wird, dass er seine erste Beru fung und Wahl, seine fundamentale Lebensentscheidung also, nicht noch einmal über denkt und auf einen an ihn ergehenden Anruf zu einem neuen Leben nicht angemessen eingeht und sich damit der Möglichkeit beraubt, dass "er [sc. Christus] mein Leben ver tieft und bereichert, indem er ein zweites mich schauen und lieben lässt"6. Unweigerlich kommt einem hier Hans Urs von Balthasar in den Sinn, der den Jesuitenorden verlassen hat, um seiner ureigenen Sendung nachzukommen. Auch sein "heikles Opfer"7, so darf Kauf zu nehmen, die Bedingungen der Nachfolge lassen sich nicht entschärfen, Ungewissheiten gleich welcher Art kennzeichnen seinen Lebensweg. Er gehört zur Gemeinde der Trauernden, Trauer ist geradezu ein Existential des Christen, allein sie hat nichts mit dumpfer, das eigene Tun lähmender Resignation gemein. Und schon gar nicht ist sie unbewältigte Weltflucht, es ist schlicht und einfach ein Leiden an den Verhängnisstrukturen dieses Äons, gepaart mit Nüchternheit. Die Intensität des eigenen Einsatzes wird dadurch nur herausgefordert, der Lebensstil kann davon nicht unberührt bleiben. Man könnte ihn programmatisch als einen Lebensstil der Transparenz bezeichnen, Bescheidenheit und Genügsamkeit stechen an ihm hervor, geben ihm sein unverwech
doi:10.5282/mthz/4701 fatcat:zchotr5plvc63g4qpubrio2ezq