Verborgene Aspekte der Leistungsmotivation. Oder: Warum sollte Erfolg immer positiv konnotiert sein?

Helmut Lukesch
2004
Vorbemerkung Erfolg im Leben zu haben, scheint in den westlichen Gesellschaften ein nicht in Frage gestelltes Lebensziel zu sein. Gleich, ob religiös überhöht (wie in der protestantischen Ethik, innerhalb derer individueller Erfolg als Zeichen für Gottgefälligkeit angesehen wurde; Weber, 1904) oder auch nur gesellschaftlich hingenommen, das Streben nach Erfolg hat anscheinend eine nicht in Zweifel zu ziehende Selbstverständlichkeit zu sein. In einem pädagogisch-philosophischen Kontext könnte
more » ... n Kontext könnte man nun den Erfolgsbegriff selbst kritisch hinterfragen und seine nur auf den ersten Blick unbezweifelbare Legitimität als gesellschaftliches und individuelles Ziel in Frage stellen (Heid, 1992) . Und das sicherlich mit Recht, denn schaut man genauer hin, so sind die üblichen Kriterien, an denen Erfolg festgemacht wird (Geld, Macht, Ansehen), in ethischer Hinsicht nicht unproblematisch. Auch die Konsequenzen (in psychologischer Denktradition würde man eher von den ungewollten Nebenwirkungen sprechen) einer Erfolgsdoktrin sind nicht ohne Widerspruch, wird doch mit jedem Erfolgs-oder Leistungskriterium auch festgelegt, wer nicht als erfolgreich oder als nicht leistungsfähig angesehen wird. Und wenn damit noch ein Argument hinsichtlich der Legitimität des Konkurrenzkampfes um knappe Güter verknüpft ist, dann hat man vielleicht ungewollt auch eine Begründung oder zumindest Rationalisierung für soziale Ungleichheit geschaffen. Für die folgenden Ausführungen soll aber von solchen Reflexionen Abstand genommen werden und das Thema des leistungsmotivierten Handelns und Erlebens -ein Standardthema von Herber (1972; ) -von einem psychologischen Standpunkt aus kommentiert und untersucht werden. Ob damit ein von Herber (1979, S. 11) formuliertes Ziel, durch eine Darstellung von Forschungsparadigmata der Motivationspsychologie "Konfrontationsfelder für die (subjektive) pädagogische Theorienbildung zu schaffen" und somit die Reflexion zu dem, was durch universitäre Lehre angestrebt werden soll, anzuregen, erreicht wird, sei dahingestellt, vielleicht kann aber ein gewisses Problembewusstsein für einen bislang wenig beachteten Aspekt der Leistungsmotivation geschaffen werden. In der Tradition der psychologischen Forschung bezeichnet man als leistungsmotiviert ein Verhalten, das auf eine Auseinandersetzung mit Gütemaßstäben gerichtet ist. Eine Person versucht dabei, einen subjektiv als verbindlich erlebten Mengen-oder Gütemaßstab zu erreichen oder zu übertreffen (Rheinberg, 1980 ). Bereits Mc Clelland et al. (1953 sprechen von einer "Auseinandersetzung mit Güte-oder Tüchtigkeitsmaßstäben" (standards of excellence), die für leistungsmotiviertes Verhalten typisch sei. Ein Gütemaßstab ist ein Bezugssystem, innerhalb dessen ein Sachverhalt erst einen Stellenwert, eine Bedeutung erhält. In weiterer Konsequenz meint man mit Anspruchsniveau 2 die Anforderungen, die jemand an sein Leistungshandeln stellt, um dieses als befriedigend oder auch als unbefriedigend, als Erfolg oder eben als Misserfolg zu erleben.
doi:10.5283/epub.3265 fatcat:zovwhqs4azfgvjiglj4sk67lse