Mangelernährung an Schweizer Spitälern-heisses Eisen oder heisse Luft?

Kaspar Berneis
2010 Forum Med Suisse   unpublished
Vor drei Jahren hatte ich in dieser Zeitschrift einen Artikel geschrieben mit dem Titel: «Mangelernährung in Spitälern: Wann ist eine Ernährungstherapie von klinischem Nutzen?» 1 Kürzlich bekam ich den Anruf eines Journalisten: Er habe meinen Artikel mit Interesse gelesen. Nun habe er gehört, dass zirka 20% der Patienten an Schweizer Spitälern mangelernährt seien und dass dieses Problem ein Mauerblümchendasein friste. Was ich dazu meine? Ich habe ihm geantwortet, dass die Problematik rund um
more » ... gelernährung als Erkrankung bei der Ärzte schaft und breiten Öffentlichkeit meines Erachtens auf zunehmendes Interesse stosse, dass jedoch Schlag zeilen, dass jeder fünfte Spitalpatient mangelernährt sei, dem Problem nicht gerecht werden. Wieso? Diese Aussage erweckt bei vielen Lesern den Eindruck, in Schweizer Spitälern sei die Ernährung schlecht oder ungenügend. Das Problem solcher Schlagzeilen ist eben, dass sie eine kausale Verknüpfung implizieren, die schlicht falsch ist und leider auch dem Fachgebiet Klinische Ernährung schadet. Mangelernährung oder Risiko für Mangelernährung ist meist Ausdruck des Schweregrades der zugrunde liegenden Erkrankung. Krankheiten gehen mit einem veränderten Bedarf an Makro und Mikronährstoffen einher. Patienten mit einem Pankreaskarzinom im Endstadium weisen deutliche Zeichen einer Mangel ernährung auf, dies aber nicht weil sie schlecht ernährt werden, sondern wegen der konsumierenden Erkran kung, die zur Ausschüttung von Zytokinen und zu katabolem Stoffwechsel führt, welcher mit den bisher bekannten Ernährungstherapien nicht wesentlich be einflusst werden kann. Die Anwendung von Ernäh rungsscores bei sterbenden Patienten ist nicht hilfreich. Sicher wird der Score auf eine Mangelernähung hin weisen, und hier haben Ernährungstherapien auch eine medizinisch limitierte Bedeutung -vor allem gilt es, den Patientenwunsch zu berücksichtigen. Ernährung stellt in vielen Fällen Lebensqualität dar -auch wenn der Verlauf nicht wesentlich beeinflusst werden kann. Auf der anderen Seite gibt es Patienten, die z.B. bei einem HNOTumor ein hohes Risiko für Mangelernäh rung aufweisen. In diesen Fällen kann eine gezielte Ernährungstherapie mögliche Komplikationen herab setzen, Wundheilung fördern und auch die Lebensqua lität deutlich steigern. Das Bewusstsein von Pflegeper sonen, Ernährungsberaterinnen und Ärzten für eine differenzierte Betrachtung der klinischen Ernährung ist ausreichend hoch. Irreführende Zahlen und Schlag zeilen verunsichern und implizieren auch einen Vorwurf, es werde in Spitälern dem Risiko für Mangelernährung oder einer bestehenden Mangelernährung zu wenig Rechnung getragen. Verbesserungsmöglichkeiten in je dem medizinischen Fach können nur erkannt werden, wenn ein Problem differenziert betrachtet wird. Undif ferenzierte, irreführende Darstellungen sind frustrie rend und behindern auch direkt den Fortschritt, indem sie ablenken und zu polemischen Diskussionen führen. Die undifferenzierte Darstellung von Zahlen zur Mangel ernährung ohne Berücksichtigung der Ursachen ist auch eine ungerechte Darstellung der Arbeit von Pflege personen, Ernährungsberaterinnen und Ärzten, welche das Problem differenzierter angehen unter Berücksich tigung der Grunderkrankung, der Möglichkeiten einer modernen Ernährungstherapie und des Willens des einzelnen Patienten. Dies ist der Alltag, vielleicht nicht immer so spannend wie die Produktion von Schlag zeilen -aber schliesslich im Dienste der betroffenen Patienten. Zur Verbesserung der Behandlung von Mangelernäh rung braucht es keine Querschnittserhebungen, sondern gute Ernährungskonzepte, welche auf die verschiede nen Formen der Mangelernährung konkret eingehen und die Behandlungsmöglichkeiten und Limitationen aufzeigen. Es braucht ein Team, welches die Patienten ambulant und stationär behandelt. Es braucht gute Fortbildungen, keine Werbeveranstaltungen. Es braucht Therapeutika, welche in der Lage sind, oral, enteral oder parenteral optimal zu ernähren. Ernährungskon zepte, Teams und Fortbildungen haben wir -Thera peutika haben wir auch. Was aber in vielen Fällen fehlt und zu Recht verunsichert, ist der Nachweis der Wirk samkeit mancher Nahrungssupplemente. Einige wer den angepriesen, weil sie angeblich die Wundheilung fördern oder das Immunsystem stärken (?) -dies ohne jeglichen suffizienten, wissenschaftlichen Beleg. Teil weise wird geradezu gedichtet: Weil eben in einem pa renteralen Produkt gewisse Fettsäuren enthalten sind, welche tatsächlich einen Benefit gezeigt haben, soll dies nun auch für ein orales Trinknahrungsprodukt gelten. Werbebroschüren mit dramatischen Bildern ... Mein Eindruck ist, dass gewisse Hersteller von Nahrungs mittelprodukten unzureichend interessiert sind am wissenschaftlichen Nachweis ihrer Werbeaussagen. Vielmehr geht es darum, Produkte möglichst gut zu verpacken und zu verkaufen. Dazu dienlich sind nicht angeblich «teure» wissenschaftliche Studien mit unkla rem Ausgang (sic!), sondern vielmehr Schlagzeilen, dass nun endlich «etwas gemacht» werden muss gegen
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