Henri Bergson spricht zu uns über das Kino

Michel Georges-Michel, Martin Loiperdinger, Sabine Lenk, Frank Kessler, Mediarep.Org
2021
Das Anwesen des Philosophen stand in voller Blütenpracht. Die Ellbogen auf ein Tischehen gestützt, lächelte Herr Bergson, eingerahmt von einem Bund Lilien und einem Strauß Orchideen, Geschenke von Schülern, die sich freuten, daß ihr Lehrmeister in die Akademie gewählt worden war. »Stellen Sie sich vor«, sagte der Philosoph plötzlich zu mir, »eine Filmfirma hat mich gebeten, für sie zu posieren.« Bergson: ein schlichter Gehrock, runde Manschetten und ein steifer Kragen. Aus den Ärmeln drängen
more » ... n Ärmeln drängen kleine, zarte, nervöse, sich fieberhaft bewegende Hände, aus dem Kragen ragt ein kleiner Kopf mit roten Wangen, die Stirn geht sanft in die Rundung des Schädels über, direkt über den schmalen Lippen steht der blonde Schnurrbart. Und die beiden blauen, >nach innen schau-enden< Augen scheinen unter dem Schirm der buschigen Augenbrauen, deren Haare dichter stehen als die des Schnurrbarts, das Innere des Schädels zu erleuchten. Der Kopf dreht sich lebhaft über dem Kragen. Wenn Herr Bergson spricht, so neigt er sich nachdenklich in einer natürlichen Bewegung. Und die leicht zitternde, wie aus der Feme kommende Stimme steigert noch den leicht >hoffmannesken< Eindruck, den der Philosoph in seinem weißen Haus mit weiten Zimmern, tief in einem Garten in Auteuil gelegen, erweckt. »Ich habe abgelehnt«, fuhr Herr Bergson fort, »obwohl mich der Kinematograph wie alle anderen neuen Erfindungen interessiert. Der Philosoph muß dem Geschehen in der Außenwelt Rechnung tragen. Und was ich an Neuem in der Philosophie habe beitragen können, beruhte immer auf der Erfahrung. Um mein Buch Matiere et memoire 2 zu schreiben, habe ich fünf Jahre lang Fälle von Gedächtnisverlust untersucht und Menschen mit Sprachstörungen befragt; ich beschäftigte mich zehn Jahre lang mit der Biologie, bevor ich L'Evolution creatricei schrieb. Nichts darf den Philosophen gleichgültig lassen. Ich bin im Kinematographentheater gewesen -schon vor einigen Jahren.
doi:10.25969/mediarep/15991 fatcat:fw6dszoi7neixevpoqg2y2f6fi