Karl Barths Schriftauslegung und die Bibelwissenschaft

Konrad Schmid
2010
Dass es anlässlich des 40. Todestags von Karl Barth angebracht sein könnte, dessen Wirken auch aus bibelwissenschaftlicher Perspektive zu beleuchten, lässt sich in doppelter Weise begründen. Zunächst war Barth von Haus aus nicht Systematiker, sondern sehr viel eher Bibelwissenschaftler. In seinem Todesjahr 1968 beschrieb Barth selber seinen Neuaufbruch rückblickend so: «Ich begann ihn [sc. den Römerbrief] zu lesen, als hätte ich ihn noch nie gelesen: nicht ohne das Gefundene Punkt für Punkt
more » ... Punkt für Punkt bedächtig aufzuschreiben.» 1 Am Anfang von Karl Barths Denken und Wirken steht also die neue Lektüre der Bibel. Am Ende des 1. Weltkriegs, 1918, hatte er noch geklagt: «Nun brütet man abwechselnd über der Zeitung und dem N.T. und sieht eigentlich furchtbar wenig von dem organischen Zusammenhang beider Welten.» Den Grund für diese Blindheit fand er darin, dass gerade auch er selber sich bislang nicht entschieden genug mit der Bibel beschäftigt hatte: «Hätten wir uns doch früher zur Bibel bekehrt!» 2 Als zweiter Grund, weshalb die Bibel an diesem Jubiläum interessieren muss, kann angeführt werden, dass sich so etwas wie eine Selbstähnlichkeit der Geschichte beobachten lässt: Die gegenwärtige Situation (zumindest der deutschsprachigen Theologie) hat gewisse Gemeinsamkeiten mit jener zur Zeit des Erscheinens von Barths Römerbriefkommentar. Sowohl die zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts wie auch der Beginn des 21. Jahrhunderts sind innertheologisch durch eine klar erkennbare Diastase zwischen den biblischen und systematischen Disziplinen gekennzeichnet; diese war in der Zeit dazwischen, namentlich in den fünfziger und sechziger Jahren, so nicht gegeben. Nun ist eine Diastase an sich nicht beklagenswert -es kann auch Trennungen und Abstände geben, die gut begründet sind. Genau dies scheint aber heute ebenso wenig der Fall zu sein, wie es dies zur Zeit von Barths Römerbriefkommentar war. Insofern ist die Frage nach der Art von Barths Schriftauslegung und ihrer Wirkung auf die Bibelwissenschaft durchaus aktuell. Daher wird hier zunächst versucht, eine quellennahe Rekonstruktion von Barths Prinzipien der Schriftauslegung zu geben, und im zweiten Teil werden einige Bemerkungen zu den Folgen formuliert.
doi:10.5167/uzh-68206 fatcat:cviidczdmveghpizqts2364rfq