Die Amazonen sind noch fern. Das Wahlrecht der Frauen: Enttäuschungen und Chancen

Ursula Feist
1986 Feministische Studien  
Wie alte Fragen sich neu stellen "Wahlberechtigt sind alle deutschen Männer und Frauen, die am Wahltag das 20. Lebensjahr vollendet haben". Als dieser Paragraph der Verordnung über die Wahlen zur verfassunggebenden deutschen Nationalversammlung vom 30. November 1918 in Kraft trat, verfügten die Männer in Deutschland bereits seit 50 Jahren über das allgemeine Wahlrecht. 1 In einer Zeit, in der sich organisatorisch das deutsche Parteiensystem in seiner sozialen Basis konstituierte, zwischen
more » ... rte, zwischen Reichsgründung und Ende des Ersten Weltkrieges, gab es also nur für Männer politische Repräsentation. Eine Diskriminierung der ersten Stunde, deren Folgen für mehr als die Hälfte der Bevölkerung, die Frauen, bis heute nicht beseitigt sind. Was hatten die Frauen mit dem Recht auf polititsche Repräsentanz gewonnen, das ihnen die Verfassung von 1919 erstmals gewährte, in Verbindung mit einer ausdrücklichen Garantie der politischen Gleichberechtigung? 2 Eine Wahlanalyse über die Stimmabgabe von Frauen stellt nach einem guten Jahrzent Frauenstimmrecht Anfang der dreißiger Jahre die Frage: "Ist die Integration von Frauen in den politischen Gesamtwillen gelungen, und wie ging dieser Prozeß vor sich?" 3 und kommt zu dem Schluß: Weder das aktive noch das passive Wahlrecht habe zu einer vollen Einbeziehung der Frauen in die politische Gesamtverantwortung geführt. Als Wählerinnen seien die Frauen von Weimar politisch desinteressierter und apathischer als die Männer, sie neigten zudem stärker zur Stimmabgabe für konservative, christliche, völkische Parteien. Als Gewählte beschränkten sie ihre Tätigkeit auf die Gebiete von Kultur und Caritas. 4 Heute, nach fast 70 Jahren Frauenwahlrecht, steht fest: Die Frauen haben sich im Laufe der Zeit dem Wahlverhalten der Männer angeglichen und dabei schwanden traditionelle Bindungen. Insofern sind Frauen heute politisch integriert. Als politische Akteure sind sie aber, wie in der ersten Republik, weit davon entfernt, gleichgestellt zu sein. Die Männergesellschaft, in der Frauen mit 50 Jahren Verspätung gleichberechtigte Repräsentanz erwarben, hat vielmehr bis auf den heutigen Tag dafür gesorgt, daß die gesellschaftliche Rollenteilung auch im politischen Prozeß festgeschrieben wurde. Unauthenticated Download Date | 7/30/18 2:29 AM Unauthenticated Download Date | 7/30/18 2:29 AM
doi:10.1515/fs-1986-0210 fatcat:i4vir33mefbqji7f33r45cty34