Offenbarung Gottes und menschliche Religiosität in der Sündenbocktheorie René Girards : eine Kritik aus der Sicht der lutherischen Bekenntnisschriften [article]

Gilberto Da Silva, Universitaet Tuebingen
2019
Eine Kritik aus der Sicht der lutherischen Bekenntnisschriften Über "Offenbarung" zu sprechen ist keine leichte Aufgabe, besonders wenn man diesen theologischen Begriff im Liebte einer Differenzierung zwischen Ur-und Heilsoffenbarung untersuchen möchte. Angesichts der aktuellen theologischen Entwicklung ist es m. E. jedoch wichtig, diese Thematik aus einer Bekenntnis-Perspektive zu analysieren. In diesem Aufsatz möchte ich u. a. den umstrittenen Begriff der Uroffenbarung Gottes darstellen, und
more » ... es darstellen, und zwar in seiner praktischen Implikation zur menschlichen Religiosität und zur Heilsoffenbarung Gottes in Jesus Christus. Dazu werde ich die Religionstheorie Rene Girards heranziehen, um anhand eines Vergleichs mit den lutherischen Bekenntnisschriften Schlussfolgerungen zu ziehen. Es wird nämlich zu prüfen sein, ob die Sündenbockheorie, die in letzter Zeit unter Theologen wachsende Begeisterung hervorruft, eine tragfähige biblische Grundlage hat bzw. ob sie mit unseren Bekenntnisschriften in Einklang zu bringen ist. Abgrenzungen und Definitionen Bevor wir uns mit dem Begriff "Uroffenbarung" näher befassen, ist es notwendig, ihn abzugrenzen, um Missverständnisse zu vermeiden. Uroffenbarung soll nämlich nicht mit dem problematischen Begriff "natürliche Theologie" in seiner (1.) römisch-katholischen und in seiner (2.) aufklärerischen Ausprägung verwechselt werden. (1.) Die römisch-katholische Theologie, besonders in ihrer thomistischen Denkrichtung, gliedert die Offenbarung Gottes auf in den Stufen "Natur -Gnade -Herrlichkeit", denen drei Grade der menschlichen LuThK 26 (2002), 28-45 Offenbarung Gottes und menschliche Religiosität 29 Einsicht entsprechen 1 • Es handelt sich hier um einen Offenbarungsprozess oder -weg, der im Zuge einer analogia entis 2 von der Natur über die Gnade bis zur Herrlichkeit reichen soll. Demnach entwickelt sich Offenbarung in Stufen oder Stadien, wobei die nächste Stufe die vorige nicht aufhebt, sondern voraussetzt und vollendet. In diesem Schema wird die "natürliche Offenbarung" als Unterbau der "übernatürlichen Offenbarung" vorausgesetzt und die Verkündigung des Evangeliums so verstanden, als habe sie nur zu klären oder zum Bewusstsein zu bringen, was jedem Menschen "von Natur" aus mehr oder weniger selbstverständlich sei.
doi:10.15496/publikation-37006 fatcat:jhecy3oqsbdqfipbwqegtoqpkm