Cholin als Hormon der Darmbewegung

J. W. le Heux
1919 Pflügers Archiv: European Journal of Physiology  
Io Weiland 2) hat aus dem hies]gen Institut im Jahre 1912 eine Arbeit "Zur Kenntnis der Entstehung der Darmbewegung" verSffentlicht, in welcher er den merkwiirdigen Befund mitteilte, dass, wenn man verschiedene Teile des Magendarmkanales (Magen, Di]nndarm und Dickdarm) verschiedener Tiere (Kaninchen, Katze, Hund)nach geniigender Reinigung in Wasser oder T y r o d e-Li~sung von 38 o C. bringt, die Fltissigkeit nach einiger Zeit die Eigenschaft bekommt, die Bewegungen des i]ber!ebenden Diinndarm~
more » ... !ebenden Diinndarm~ der genannten Tierarten betriichtlich zu versti~rken. Die Wirkung dieser wiisserigen 87 auf den iiberlebenden Diinndarm, die nicht artspezifisch ist, aussert sich entweder in einer VergrSsserung der Pendelbewe~ungen oder in Tonuszunahme oder in beiden zugleich; eine Wirkung, die der des Pilocarpins gleicht und ebenso wie diese durch kleine Dosen Atropin antagonistisch aufgehoben werden kann. Auf gleiche Weise hergestellte Extrakte anderer Organe wirkten schwi~cher und inkonstant auf den Darm. Fortgesetzte Untersuchungen lehrten W eilan d, dass der wirksame Bestandteil dieser "Extrakte" kochbesti~ndig ist. l~ach Kochen, Filtrieren und Eindampfen der w~sserigen LSsung ist der dunkel-1) Vorl~ufige Mitteilung: Over den aard van het bestanddeel van Darmextracten, dat een prikkelenden invloed op de maagdarmbewegingen uitoefent. --K. Akademie v. Wetenschappen te Amsterdam. Verslag vergadering wis-en natuurk. afd.Choiin als Hormon der Darmbewegung. 23 von seiner Serosaoberfl~tche an die Aussenflt~ssigkeit eine Substanz abgibt, welche die Darmbewegungen e~regt, zusammen mit den in dieser Abhandlung geschilderten Versuchen, in welchen es gelang, diese Substanz chemisch zu isolieren und ihre Identit~tt mit Cholin 9 so ergeben sich wichtige Schlussfolgerungen ft~r die Physiolo~e der Bewegungen des Magendarmkanals. Da das Cholin vom Magen und Darm abgegeben wird, w~hrend derselbe in Qbedebendem Zustande lebhafte Normalbewegungen aus-ft~hrt, so ist es sicher, dass sich Cholin in freiem Zustande in der Magendarmwand befindet und nicht etwa erst postmortal oder durch eingreifende chemische Eingriffe des Experimentators aus Vorstufen (z. B. Lezithin) abgespaltš wird. Es ist demnach jetzt mi~glich, die in der Weiland'schen Arbeit gezogenen Schliisse schiirfer zu formuliere 9 Der isolierte zirkulationslose Dilnndarm ftihrt in SalzliisuDg stunden-und tagelang rhythmische Bewegungen aus, welche unter der Herrschaft des A u e r b a c h' schen :Plexus stehen und welche auch andauern, wenn die beiden rezeptorischen Oberfiachen, die Schleimhaut und die Serosa, mit den in ihnen liegenden sensibeln Nervenenden entfernt werden. Wir haben es also mit echten automatischen Bewegungen zu tun, deren Ursache bisher unbekannt war. Es ist nunmebr nachgewiesen, dass die Wand des Magendar mkanals freies Cholin in solchen Mengen enth~ilt, dass dadurch die Bewegungen des Magendarmkanals erregt werden ki)nnen; werden doch sogar solche Cholinmengeu nach aussen abgegeben, dass dadurch andere Darmschlingen erregt werden ki~nnen. Der Schluss ist daher berechtigt, dass das Cholin das, oder vorsichtiger ausgedrtickt, e i ne s d e r p h y s i o 1 o g i s c h e n Erregungsmittel far die spontanen Darmbeweguagen ist. (Dabei ist natiirlich stets daran zu denken, dass von der Schleimh aut oberfliiche des Darmes aus eine Reihe von chemischen Reizen die Darmbewegung beeinflussen, und dass vom Blute aus zahlrelche Gifte auf die Darmbewegungen wirk'en k5nnen. ) Es erhebt sic}] jetzt die Frage nach dem Angriffspunkt der Cholinwirkung ara Darm. W e i 1 a n d bat festgestellt, dass seine Darmextrakte in Dosen, welche auf den intakten Darm deutlich erregend wirken, auf zentrenfreie Priiparate der Ringmuskulatur des Darmes keine Wirkung be-
doi:10.1007/bf01722105 fatcat:s633wl5fgnf55nmpxbogs7rmk4