Über zelluläre Erscheinungen bei Partigenanwendung

Emil Szász
1922 Lung  
Die Arbeitshypothese, die reich beim Studium und der Therapie der Tuberkulose leite$, ist fo]gende: Die TuberkuloseimmunitKt beruht auf der spezffiseh gesteigerten biologischen Funktion der KSrperzellen. Die Sympt~me dieser Ti~tigkeit. sind zelluli~rer und humoraler Natur. Der gesteigerten zelluliiren Tiitigkeit zufolge entstehen einerseits histologisehe Veriinderungen grober Art zwccks Isolierung der Krankheitskeime, aadererseits humorale AbwehrkSrper verschiedener unbekannter chemiscber Natur
more » ... er chemiscber Natur zum Abbau der Keime und deren Stoffwecbselprodukte. In diesem Sinne kSnnen wir die zellul~iren Symptome als prim~ire Erscheimmgen der Abwehrtiitigkeit nennen, das Auftreten humoraler Kr~fte nur sehon als materielle Folge tier zelluli~ren Grunderseheinung. Die im spezifisehen Sinne sich ~iuBernde zelluliire Reakl~ivit/it ist also zweekm~i~ig und wird Allergie genannt.. Mit dem Namen Allergie bezeiehne ieh nur z e 11 u 1 ~ re Erscheinungen, nnd jede zellul/ire Erscheinung halte ieh fiir eine z w e e k m/~ $ ig e Reaktion, auch wenn sie aus anatomischen Grfinden Unheil verursacht; also nieht ffir eine nebens~ehliche passive Reizerscheinung zufolge lokaler ehemischer Einwirkung humoraler Reaktionen. Es is~ dies die einzige Vorstellung, mit der ich mir meine klinisch experimentellcn Bcfunde (fiber die ieh im 45. und 48. Band der Beitr/s berichtete) und solche anderer vor-l~ufig erklaren kann 1). Folgend will ich fiber meine B~obachtung fiber die bekannten zelluliiren Erscheinungen w/ihrend der Partigentherapie berichSen und besonders feststellen, ob die Verh~ltnisse und die Gesetzm~Bigkeiten im Auftret.en derselben mit der geschilderten Auffassung im Einldang zu bringen sind. 1) Unbetrachtet sind hier die neueren Versuche, unter anderen die yon Onaka und Fellner, fiber die Ubertragung der Allergie dutch den Extrakt tuberkulSs entzfindeter Zellenkomplexe bzw. durch die Pirquetsche Impfpapel, dann die Auffassung v. Hayeks (welche, soweit ieh das aus den Zitaten anderer feststellen kann, mit meiner im Einklange zu sein seheint), nachdem mein Manuskript ein Resultat meiner Arbeit yore Jahre 1918 ist und well ich zufolge der Verhiiltnisse die Abhandhmgen genannter Autoren im Original noch nicht lescn konnte. t.~ber zellul/ire Erscheinungen bei Partigenanwendung. 303 I. Wiederaufflammende Reaktionen. Wir verstehen darunter Reaktionserscheinungen, die an Stelle der schon lange abgelaufenen Intrakutanreaktionen entweder scheinbar spontan oder im Laufe (meiner Ansicht nach zufolge) der isopathischen Kur wieder zum Vorschein kommen und an Intensit~it oft die urspIiinglichen Reaktionen fiber. r Nicht selten meldeten mir die yon dreimonatlichem Urlaub in die Keilanstalt zuriickkehrenden Kranken, daft zuhause an Stelle der vergangenen tIautreaktionen frische Erscheinungen auftraten. In einigen Fiillen konnte ich feststellen, dab der Gesundheitszustand des betreffenden Kranken zur selben Zeit gest6rt war. In den meisten F~llen konnte ich natfirlich diesbezfig-]ich keine zuverlassigen Angaben erhaltcn. Das Wiederaufflammen alter Reaktionen ist auch yon andcren Autoren erw/i, hnt worden. Bessau, G~,li fiihren diese Erscheinung auf das Zusammentreffcn des an Stelle der alten Reaktionen gebliebenen Antigens und den sp~iter zufiillig hinstriSmenden AntikSrpern zuriick. Diese Vorstetlung halte ich auf Grund meiner Beobachtungen ftir unhaltbar. Abgesehen yon den anderenorts ausgelegten Ergebnissen, die zu meiner teleologischen Auffassung aller zellul~ren Erscheinungen fiihrten, beziehen sich diese Beobaehtungen auf die wiederaufflammenden Reaktionen selbst.. Die w~hrend der isopathischen Kur auftretenden W-Reaktionen pfiegen nahe der optimalen Dosis aufzutreten. Und zwar gewShnlich noeh, bevor sich eine reaktive TemperaturerhShung einstellt. Wird beim Auftreten dieser Reaktionen welter PartJgen verabreicht, so tritt in kiirzester Zeit aueh Fieber auf; oft, Srotz Abbrechen der Kur, ohne neuerlich Partigen in den Organismus einzufiihren. Auch Herdreak$ionen konnte ich gelegentlich Aufflammen alter Reaktionen fesistellen in Lymphomen, Gelenken; in der Lunge nur einmal, in der Form yon tt~imoptoe. Es is~ also keinesfalls daran zu zweifeln, dab im Zeitpunkte des Aufflammens alter Intrakutanreaktionen der Kranke zu Herdreaktionen, aber auch zu allgemeiner l~eaktion disponiertist. DieseTatsachenmiissen uns beimErkl~ruagsversuch fiber das Wesen dieser Reaktlonserseheinungen leiten. Ws der Grund des Aufflammens im Auftreten pr~formierter AbwehrkS.rper zu suchen, so w/~re es nich$ leicht zu verstehen, dal~ wir in all diesen F/illen so nahe der Fieberreaktion angeriickt sind. Das Auftreten pr~formierter AbwehrkSrper muit das Steigen der relativen Immunit~t zur Folge haben. Gerade so, wie ich mir das Auftreten hohen Fiebers nieht dureh die Wirkung groger AntikSrpermengen erkIi~ren kann, so kann ich aueh das Aufflackern alter Reaktionen nicht darauf zurfickfiihren, z eigen sic d oeh ganz klar das Heranriicken der Insufflzienz der AbwehrkrKfte an. Ieh betraehte auch die auff]ammenden Reaktionen fiir zweekmi~Bige, AbwehrkSrper produzierende l~eaktionen, so wie alle anderen zeUul~ren Erscheinungen. Die MSglichkeit die, in die KSrpers~fte gelangten, Antigene rasch abzubauen, ist meiner Vorstellungnaeh nur dann gegeben, wenn dcr Organismus durehreaktiveAb~ wehrkSrperproduktion sofort in Aktion ~ritt. Dies ist nicht anders denkbar, als dab in erster Reihe jene Zel]enkomplexe automatisch reagieren, die dem eingefiihrten Antigen gegentiber am e mpfindliehsten sind, deren aUergiseh gesteigerte FunktiQnsf~i, tdgkeib die beste ist. In erster Reihe werden also die sehi~rfstr Abwehrt~tigkeit ausfiihrenden perifokalen Gewebe mit gesteigerter immunbiologischer Reaktion antworten, also tier tuberku|Sse Herd, soweit ihn die regressiven Ver/inderungen dieser F/~higkeit nieht beraubten. Schon im Augenblick der En$stehung des Herdes ist seine Aufgabe, dem Keim und seinen Sch~dlichkeiten gegeniiber Ab~vchr zu leisten und diese Aufgabe obliegt ihm solange erbesteht. Der kleinste Reiz, der die periphere Abwehr durchbrieht, geniigt, um ihn zur T~tigkeit anzuregen. In klinischer Beziehung ist die Herdreaktion Krankheit, im Grunde genommen abet immer cine zweekm~illige Reaktion.
doi:10.1007/bf02078684 fatcat:nrmuw2f57bdmrl7ufhmfv463b4