Ueber Botulismus1)

1917 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Beratender Innerer Mediziner einer Armee. Im Laufe eines Vierteljahres kamen in einem Kriegsazarett einer Armee im Osten sieben Erkrankungen an Botulismus zur Beobachtung : eine Gruppenerkrankung von zwei Fällen und fünf Einzelerkrankungen. Ich halte die Mitteilung unserer Beobachtungen für angezeigt, da das Krankheitsbild vielen Aerzten wenig geläufig zu sein scheint. Der Botulismus ist eine Vergiftungskrankheit. Er wird beobachtet nach dem Genuß von Wurst, Fleisch oder Fischen, in seltenen
more » ... len auch von Gemlisen, die nach längerer Aufbewahrung oder in konserviertem Zustande genossen werden. Der Botulismus stellt ein streng umschriebenes Krankheitsbild dar ; es ist in den schweren Vergiftungsfällen so charakteristisch, daß die Diagnose, sofern das Krankheitsbild bekannt ist, ohne Schwierigkeit gestellt zu werden pflegt. Anders verhält es sich bei den leichteren Erkrankungsfällen. Das voll entwickelte Syn1rom des Botulismus boten zwei Kranke, die gleichzeitig dem Kriegsiazarett in M. zugingen. Sie erkrankten beide nach dem Genusse von Büchsenleberwurst, die am 14. September 1916 ausgegeben war, als einzige von den Mannschaften der Korporalschaft, von der eine größere Zahl von der gleichen Konserve gegesen hatte. Fall 1. Grenadier 5., 21 Jahre alt, wurde am 16. September 1916 in die Nervenkrankenabteilung des Kriegslazaretts M. aufgenommei. Bei der Aufnahme wurde Folgendes festgestelit: 5. ist benommen, gibt undeutliche und unbestimmte Antworten, reibt sich die Augen und meint, er hätte einen Schleier vor den Augen. Kann vorgehaltene Finger nicht erkennen. Pupillen weit, reagieren nicht auf Lichteinfial] und auf Binwärtsschielen. E3 besteht doppelseitige Ptosis, die Augapfelbewegungen sind gestört. Doppelseitige totale Fazialisparese, Gaumensegelparese, deutliche Artikulationsstörung. Zunge, Mund-und Rachenschleixnhaut vollkommen trocken. Stehen ohne Festhalten nicht möglich wegen Schwäche und starken Drehschwindels." Aus den Angaben des in gleicher Weise erkrankten Musketiers A. von der gleichen Korporalschaft geht hervor, daß . nach dem Genuß von Büchsenleberwurst am Abend des 14. September 1916 während der folgenden Nacht mit Leibschmerzen und Erbrechen erkrankt sei. Am folgenden Tage habe er über starken Schwindel und allgemeines Schwächegefühl geklagt. Seit dem Morgen des 16. September habe er nicht mehr richtig sehen können. Feste Bissen habe er nicht mehr herabgebracht, dagegen Flüssigkeiten anfangs noch schlucken können, später seien sie zum Teil durch die Nase zurückgeflossen. -Oberarzt Gu tzei t stellte die Diagnose Wurstvergiftung und zog mich zur Konsultation zu. -Ich sah den Kranken zum ersten Male am 17. September 1916. S. macht einen schlafsüchtigen Eindruck, gibt aber klare Antworten. Er klagt über quälende Trockenheit im I{alse und Unfähigkeit zu schlucken, über verschwommenes Sehen und Doppeltsehen. Beide oberen Lider hängen völlig herab. Beim Blick nach rechts außen geht der rechte Bulbus nur eine Spur über die Mittellinie nach außen, der linke nahezu vollkommen nach innen, beim Blick nach links der linke Bulbus nur wenig nach außen, der rechte vollkommen nach innen. Beim Seitwärtsschauen horizontaler Nystagmus. -Bulbusbewegung nach oben und unten stark eingeschränkt. Beide Pupillen sehr Weit und reaktionsios auf Lichteinfall und Akkomodation. Augenhintergrund ohne Befund. -Große Gegenstände erkennt er, wenn auch verschwommen, Finger in einer Entfernung von 40 cm. Beim Seitwärtsschauen entstehen beiderseits parallele, gleichhohe und gleichnamige Doppelbilder. Mimische Bewegungen des Gesichts fehlen nahezu ganz. Mundspitzen sehr unvôlikommen, Stirnrunzeln angedeutet. Das Gaumensegel hebt sich beim Anlauten eine Spur. Beim Schluckversuch Wird durch Fehischlucken ein starker Hustenanfall ausgelöst und fließt ein Teil des Wassers durch
doi:10.1055/s-0028-1144838 fatcat:jbbqy6zyrvdedcavuivsapuy7i