Beziehungsweisen jenseits der Zweisamkeits(ver)ordnung oder: Zur Produktion der Grenze: Wer mehr liebt, hat UnRecht

Julia König
2008 Kritische Justiz  
Beziehungsweisen jenseits der Zweisamkeits(ver)ordnung oder: Zur Produktion der Grenze: Wer mehr liebt, hat UnRecht 1 Zu den in jüngster Zeit erschlossenen und kritisch debattierten Domänen der Rechtstheorie gehören die Verankerung des Heterosexismus im Recht 2 sowie die Aufdeckung der damit einhergehenden Diskriminierung der Zweigeschlechtlichkeit. 3 Diese Errungenschaften queer-feministischer Rechtstheorie grenzen an einen noch unberührten Kontinent. Dieser betrifft die Beziehungsweisen der
more » ... iehungsweisen der miteinander in Beziehung stehenden Individuen, welche sich in Subjektivationsprozessen niederschlagen und im Recht gleichzeitig objektiviert wie prozessiert werden. Die in der westlichen Gesellschaft dominierende Beziehungsweise kreist wesentlich um die Sonne exklusiver Zweisamkeit und wird als Beziehungsform an und für sich nicht in Frage gestellt. Nur zwei Personen können sich demnach ›wirklich‹ und in romantisch-zärtlicher Zuwendung lieben, nur zwei Personen können daher eine sinnvolle und stabile, ungefährdete und ungefährliche Lebens-und Wirtschaftsgemeinschaft bilden, und nur zwei Personen sollten im Idealfall in dieser Zweisamkeit gemeinsam (ihre) Kinder großziehen. Dass ein solches Beziehungsmodell genauso wenig ›natürlich‹ ist wie Heterosexualität (worüber mittlerweile ein leidlicher Konsens herrscht) oder Zweigeschlechtlichkeit (eine prekäre Position, die derzeit sehr umkämpft ist, aber zweifelsohne in den Rechtsdiskurs eingebracht wurde), wird im (deutschsprachigen) juristischen Kontext bislang nicht diskutiert. Ein wenig Licht in dieses streng strukturierte Beziehungsgeflecht zu bringen, beansprucht der vorliegende Beitrag. Dabei wird besonders die Frage in den Blick genommen, wie Recht ganz bestimmte Beziehungsweisen produktiv macht zu Ungunsten von vorstell-und lebbaren Alternativen. 4 Hierbei richte ich den Fokus sowohl auf die Beziehungsformen wie gleichzeitig auch auf die Rechtsform, in der soziale Verhältnisse als rechtlich tragfähige Beziehungsweisen verhandelt werden. Gerade die Form der gesetzlichen Regulation der Intimität ist bislang im Kontext von Rechtstheorie nicht hinlänglich berücksichtigt worden. 5 Diese Form, begriffen als »eigene Dichte« des Rechts, führt zu effektiven Verselbständigungsprozessen, innerhalb derer Soziales naturalisiert, verdinglicht und in einzelnen Individuen und Rechtssubjekten vereinzelt wird, um den Menschen dann wiederum quasi objektiv -fetischisiert -im Recht als Tat-Sache entgegenzutreten und darüber schließlich gesellschaftliche Zusammenhänge zu stiften. 6
doi:10.5771/0023-4834-2008-3-271 fatcat:g24tlz2plvd7nbypsow5tq4lmm