Neue Veröffentlichungen zur Vorgeschichte des Siebenjährigen Krieges

Reinhold Koser
1896 Historische Zeitschrift  
Die in den beiden vorliegenden Veröffentlichungen heran gezogenen Aktenstücke stammen vorzugsweise -bei A. Beer aus schließlich -aus österreichischen Archiven: Bruchstücke aus der hoffentlich dereinst in Vollständigkeit an den Tag tretenden "Politischen Korrespondenz M aria Theresia's". Zur Zeit besteht im Bereiche der Publikationen zur politischen Geschichte des 18. Jahrhunderts noch ein M ißverhältnis: eine Fülle systematisch zusammengebrachter, in einer großen Gesammtausgabe übersichtlich
more » ... be übersichtlich geordneter Urkunden auf der einen S eite: die "Politische Korrespondenz Friedrich's des Großen", der leider bisher das nicht im Geheimen Staatsarchiv, sondern im König lichen Hausarchiv zu Berlin aufbewahrte Politische Testament von 1752 vorenthalten worden ist. Auf der andern S eite: nur vereinzelte Bruchstücke und Auszüge aus den Aktenmassen der Höfe von Wien, Versailles, Petersburg und London. Historische Zeitschrift 91. F. Bd. XLI. 1 Brought to you by | INSEAD Authenticated Download Date | 10/7/18 12:40 AM D a geschah es nun, daß dieses ganze reiche preußische Aktenmaterial, wie es in handlichen Ausgaben der Forschung zu gänglich gemacht worden ist. plötzlich als eine trübe, unzureichende, trügerische Quelle hingestellt wurde, daß Tausende von Urkunden auf einmal nicht gelten sollten, sondern mit der spöttischen Frage, seit wann man die historischen Zeugnisse mit dem Scheffel messe, beiseite geschoben wurden. Die neue Methode konstruirte sich einen neuen Begriff der "echten Urkunde", und so ward denn entgegen der Auffassung, die nach dem Erscheinen der Darstellungen von Alfred v. Arneth, Beer und Ranke nicht mehr angefochten war, die neue Offenbarung der W elt verkündet, daß Friedrich's des Großen Lage im Sommer 1756 nicht so gefährdet war und von ihm nicht als so gefährdet betrachtet wurde, um daraus seine Waffenerhebung zu erklären; daß die Lage ihm vielmehr günstig erschienen sei zur Verwirklichung längst gehegter Er oberungspläne. i) Wohl wird nachträglich betheuert, daß ja auch die öster reichische Offensive unumwunden zugestanden und nachdrücklich betont worden sei; wohl wird von zwei Offensiven, die auf einander gestoßen seien, gesprochen. Wie unumwunden diese österreichische Offensive zugestanden, wie nachdrücklich sie betont wird, davon wolle sich der Leser daraus einen Begriff machen, daß diese öster reichische Offensive in dem vielbesprochenen Buche als eine durch aus hypothetische erscheint, die von mehreren noch nicht erfüllten und angeblich schwer erfüllbaren Voraussetzungen abgehangen haben soll: "D as also war im Ju n i 1756 die Lage. Österreich war sowohl mit Rußland wie mit Frankreich nur durch defensive Allianzen verbunden: mit Rußland allein wollte es keine Offensiv-Allianz haben, mit Frankreich hatte es bisher keine zu Stande 'bringen können. Eben hierdurch wurde auch im Osten wieder liiaini.*) S o habe ich H. Z . 74, 70 die in dem Buche von Lehmann, "Friedrich •ber Grpße und der Ursprung des Siebenjährigen Krieges" vorgetragene Auf fassung umschrieben und habe keine Veranlassung, an diesen W orten etwas zu andern. *) Gott. Gel. Anz. 1895 1, 106. Brought to you by | INSEAD Authenticated Download Date | 10/7/18 12:40 AM ') Lehmann S . 34. 2) Nicht die russischen R üstungen, sondern nur "voreilige Schritte" sollte Esterhazy hintertreiben, w a s einen großen Unterschied macht: vgl. N audö, S . 75 (597). D ie eingeklammerten Zahlen beziehen sich aus die sortlausende P agin iru n g des 8. B andes der "Forschungen z. brandend, u. preuß. Geschichte". 8) V gl. G ött. Gel. Anz. 1895 1, 107. *) N aud4 S . 52 (574) Anm . 2 : "W enn Lehmann von österreichischer Offensive spricht, so bezieht sich das . . . nur auf die politische Vorbereitung der Offensive. D agegen militärisch bestreitet er die österreichische Offensive und bestreitet m it Nachdruck jede Offensivrüstung der Österreicher, und vor dem 8. J u l i überhaupt jede österreichische Rüstung." V gl. auch N aud6 S . 66. 75 (288. 297). Brought to you by | INSEAD Authenticated Download Date | 10/7/18 12:40 AM Weiten", und die "Träumerei" des Politischen Testaments von 1752 "wird ihm zu Wirklichkeiten". Preußen soll nach dem kritischen Ergebnis der "neuen Methode" den Krieg von 1756 unternommen haben, um im Austausch gegen das zu erobernde Böhmen Sachsen zu erwerben, während mittels der alten Methode bisher nur so viel in sichere Erfahrung gebracht worden war, daß umgekehrt Österreich dam als von seinen Verbündeten die Zustimmung zur Erwerbung sächsischen Gebietes gegen zu er obernde preußische Landestheile heischte.') C ontra p rin cip ia n eg a n tem n o n est d isp u ta n d u m : B ei dem diametralen Gegensatz, in welchem sich die Q uellenausw ahl und Quellenbenützung der "neuen" historischen Schule zu der überlieferten Methode befindet, wäre jede Fortsetzung der Diskussion unersprießlich geworden, falls sich nicht der Nachweis führen ließ, daß der Vorkämpfer der neue» Methode von seinem eigenen S ta n d punkt aus, auf dem Boden seiner eignen neuen Methode, in Widersprüche sich verstrickt hat. Dieser Nachweis ist jetzt durch Naude beigebracht, der Nachweis all der erstaunlichen Willkürlich» leiten, Gewaltsamkeiten. "Falsifikationen"^), durch welche die neue Methode sich rettungslos diskreditirt hat. Mochte die neue Methode immerhin sämmtliche Zeugnisse, die einer S telle in der "echten" Urkunde, in dem Politischen Testa ment von 1752, angeblich wicdersprechen, als ein Blendwerk von eitel Berechnung, Verstellung und Lüge verwerfen, so durfte sie doch nimmermehr in dieser von ihr einmal anerkannten "echten" Urkunde, in diesem Testamente selbst die mit der vorgefaßten M einung unvereinbaren S tellen einfach unbeachtet lassen. Und wenn die neue Methode innerhalb der preußischen Überlieferung den Kreis der "echten" Urkunden auf das engste zog, war cs dann folgerichtig innerhalb der österreichischen und französischen Überlieferung, um Hülfsbeweise für die aufgestellten Thesen zu *) [D . d. Schulenburgj Einige neue Aktenstücke über die Veranlassung des Siebenjährigen Krieges S . 28. A. v. Arneth, M aria Theresia 4, 454. Naud6 S . 69 (591) Anm. 2. Näheres jetzt bei Beer, a. a. O. S . 120 Anm. 2. 2) Vgl. Lehmann's Gutachten bei Bohtlingk, Der Rastatter Gesandtenmord vor dem Karlsruher Schöffengerichte. Heidelberg 1895. S . 41. Brought to you by | INSEAD Authenticated Download Date | 10/7/18 12:40 AM gewinnen, den Kreis des "Echten" um so weiter zu ziehen? E s war unstatthaft, dem Quellenwerth des österreichischen diplomati schen Schriftwechsels ebensoviel Vertrauen und hohe Meinung entgegenzubringen, wie dem der preußischen Korrespondenz M iß trauen und Verachtung; es war vollends unstatthaft, aus diesen österreichischen Aktenbündeln mit Vorliebe die aus irgend eine politische Nebenwirkung berechneten, nicht die wahre Meinung des Absenders wiedergebenden Schriftstücke, die ostensiblen und dem geübten archivalischen Arbeiter auf den ersten Blick als ostensibel erkennbaren Erlasse herauszugreifen und die "echten" Stücke ent weder ganz unbenutzt zu lassen oder sie durch Fortlassung der entscheidendsten Sätze gewaltsam für das thema probanduin nutzbar zu machen. Naude und Beer kommen für den Kern der Streitfrage zu demselben Ergebnis, da auch der österreichische Historiker, seit Jahr zehnten als einer der gründlichsten Kenner dieses Forschungs gebietes anerkannt, sich durchaus ablehnend gegen die Konstruk tionen der neuesten historischen Schule verhält. Doch hat Beer für die besondere Aufgabe, die er sich stellte, die österreichischen militärischen Akten nicht herangezogen, hat somit noch kein Arg gegen die mit kategorischer Bestimmtheit aufgestellte Behauptung, daß vor dem 8. Ju li 1756 keine österreichischen Rüstungen statt gefunden hätten. Aus dem Schriftwechsel der Hofburg mit der Gesandtschaft zu P aris vom Juni und Ju li 1756 theilt Beer zum Schluß eine Anzahl Stücke im Wortlaut mit; Naude stellt den Abdruck einer größeren Sammlung von Aktenstücken in A us sicht und dazu eine zusammenfassende Darstellung der Vorgänge, die sein unmittelbarer Vorgänger in der Forschung durch die "großen Entdeckungen" in ein ganz neues Licht zu rücken gemeint hatte. Der vorliegende Theil der Arbeit verwerthet das reiche neue M aterial zunächst zu polemischen Zwecken, zur Kritik dieses Vorgängers und Gegners, so jedoch, daß dabei die Grundzüge des positiven Thatbestandes bereits scharf hervortreten. Die Polemik war in diesem Falle nicht zu umgehen: aus persönlichen Gründen, denn Naude war wegen der in dieser Zeitschrift er schienenen Aufsätze in ungerechter und unziemlicher Weise von Brought to you by | INSEAD Authenticated Download Date | 10/7/18 12:40 AM *) Denkschriften des Fürsten Kaunitz, herausg. von A . Beer, Archiv für österr. Gesch. B d. 4 8 . 2) Ebenda S . 51. z) Ebenda S . 4 2 : "G egen alle diese der Cron Frankreich höchst erspriesliche Bedingnusse werde nichts anderes verlanget, a ls daß diese Cron der A llianz m it dem König in Preußen völlig entsagen, und sich wegen B e streitung der erforderlichen Kosten zur A u sfü h ru n g des gantzen P la n s m it U n s einverstehen möchte." 4) Ebenda S . 52. V gl. N audö S . 69. 7 0 (591. 602). 6) Arneth 4 , 553. 6) Denkschrift vom 28. August 1755 a. a. O. S . 53: " S ob ald nun etw as Zuverlässiges m it Franckreich zu S ta n d gebracht wäre, alsdann, aber nicht ehender, könnte die Unterhandlung m it R ußland angebunden .... werden." V g l. N audö S . 7 0 (592) Anm . 3. ') Durch dessen Heranziehung A . Beer H. Z. 27, 362 die älteren D ar stellungen so wesentlich ergänzt hat.
doi:10.1524/hzhz.1896.77.jg.1 fatcat:phuye676cfaevcxcyh2yxxwsxu