Sterben und Tod – Sind wesentliche Bereiche am Ende des Lebens nicht normiert oder undefinierbar?

Markus Parzeller
2004 Kritische Vierteljahresschrift für Gesetzgebung und Rechtswissenschaft  
Anfang und Ende des menschlichen Daseins beschäftigen als zentrale und existenzielle Fragen die Menschen in sämtlichen Kulturen und durch alle Jahrhunderte. Geburt, Leben, Sterben und Tod bestimmen den Ablauf biologischen und nicht nur menschlichen Lebens. Das dem Menschen innewohnende Bewusstsein, die Möglichkeit zu vorausschauendem Denken und die Erkenntnis der eigenen Vergänglichkeit erzeugen den Wunsch, den Prozess des Sterbens und des Todes zu verstehen und bestimmen zu können. Während
more » ... können. Während Aristoteles den Todeszeitpunkt durch den Verlust der vitalen Körperwärme zu definieren versuchte, ist nach japanisch-shintoistischer Auffassung der Mensch erst mit dem Absterben aller Organe tot 1 . Neben der reinen Feststellung des möglichst exakten Todeszeitpunkts stellt sich auf metaphysischer Ebene die Frage nach der Veränderung des individuellen Menschseins durch Sterben und Tod, sowohl in der persönlichen als auch der gesellschaftlich-kulturellen Auseinandersetzung mit diesem Themenkomplex. Vita mutatur, non tollitur (Das Leben wird nicht genommen, sondern verändert.) war eine Auffassung aus der Totenliturgie des frühen Mittelalters, einer Epoche, die sich intensiv mit Sterben und Tod auseinandergesetzt hat 2 . Eine konkrete Vorstellung, die das Gehirn als zentrales Organ zur Todesfeststellung in den Mittelpunkt der Betrachtung stellt, gab es im Mittelalter nicht 3 . Im christlichen Selbstverständnis der Neuzeit spielt die Vorstellung vom ewigen Leben durch den Tod eine zentrale Rolle 4 . Mit der alten Bezeichnung »exitus letalis« wurde verstanden, dass die Seele mit dem Tod des Menschen den Körper verlässt 5 . Ungeachtet der religiösen Vorstellungen von der Unsterblichkeit der menschlichen Seele enden das Menschsein und die aus diesem Menschsein abgeleitete Rechtsfähigkeit mit dem Tod. Die transzendentale, metaphysische Bedeutung des Lebens nach dem Tode im Mittelalter ist heutzutage durch die moderne Transplantationsmedizin für Zellen, Gewebe und Organe durch ein verändertes Weiterleben in einem anderen Organismus faktisch und real möglich geworden. Während also Organstrukturen des ursprünglichen Organismus in einem anderen Körper mit eigenem Menschsein und Bewusstsein weiterleben, ist das Menschsein des postmortalen Spenders »spätestens« nach der Explantation unwieder-1 Vgl. Vultejus, Der Mensch ad cadaver, ZRP 1993, S. 435 (436).
doi:10.5771/2193-7869-2004-4-397 fatcat:iwt744z3gbdvfme6o7yk4vxsrq