Veränderungen in der Berufs- und Arbeitswelt [article]

Matthias Möhring-Hesse, Universitaet Tuebingen
2020
Auch wenn sie gerade von Theologen immer wieder erzählt wird, bleibt es dennoch eine -wie Max Weber sagt -»Fabel«, dass der Arbeit im interkulturellen Vergleich durch den biblischen Glauben »irgend etwas an neuer Würde hinzugefügt wurde« 1 • Immerhin unterscheiden sich aber die biblischen Vorstellungen vom Arbeiten von zeitgleichen Einschätzungen der griechischen und römischen Großkulturen: Arbeit und Tugend, Arbeit und Freiheit, Arbeit und Sinn, schließlich Arbeit und Glauben wurden weder
more » ... n wurden weder theoretisch noch praktisch getrennt. So ließ sich in den biblischen Traditionen Arbeit als Bereich des Glaubens denken -und in der Folge konnte sie zum ernsthaften Gegenstand theologischer Reflexionen werden. Im Anschluss an die biblischen Überlieferungen entstanden jedenfalls christliche Theologien, die die Arbeit, obgleich des Menschen »Mühe, Q!ial und Last«, als sittliche Verpflich tung -in der thomistischen Tradition -oder als »Beruf« -in der lutherischen Tradi tion -auszeichneten. Diese Theologien haben das neuzeitliche Arbeitsverständnis und die gesell schaftliche Organisation der Arbeit als Lohnarbeit kulturell vorbereitet. Doch als die bürgerliche Gesellschaft die wertschaffende Arbeit entdeckte und ökonomisch als Lohnarbeit auszunützen lernte, brach sie mit solchen Arbeitsethiken und be zeichnete, im Unterschied zu diesen, Arbeit als universales Medium der Selbstver wirklichung und -erfüllung: 2 Die theologisch vormals aufgegebene »Mühe, Q!ial und Last« wurde zur kreativen und autonomen Tätigkeit, durch die Menschen eige ne Bedürfnisse befriedigen, eine selbständige Existenz erlangen und sich zu auto nomen Persönlichkeiten entwickeln können. Indem aber der Arbeits-und Lebens vollzug der Subjekte zugleich dem Nutzen untergeordnet wurde, den dieser durch den Lohn erst nach der Arbeit bringt, indem ihre Arbeit weiterhin dem Interesse von Arbeitgebern unterstellt wurde, wurde der moderne Arbeitsbegriff ambivalent. Im übergreifenden Nutzenkalkül wurde die emphatische Behauptung von Selbstver wirklichung mit ihrem Gegenteil konfrontiert, nämlich der Rationalisierung von Arbeitsvollzügen unter dem Diktat der Arbeitseffizienz und der fremden Regie von Arbeitgebern -und damit die Vertreibung von Selbstverwirklichung aus dem Vollzug der Lohnarbeit. Das »Hohe Lied« der Arbeit als Medium der Selbstverwirklichung und -erfül lung hat also seinen Ursprung nicht in der christlichen Theologie. Und die mit Begleitung dieses Lieds durchgesetzte Lohnarbeit folgt nicht dem Reim, den sich die christlichen Theologien auf die Arbeit als sittliche Verpflichtung oder als Gottes dienst gemacht hatten. Bevor man sich in kirchlichen und theologischen Kontexten über die » Veränderungen in der Berufs-und Arbeitswelt am beginnenden dritten r M. Weber, Wirtschaft und Gesellschaft 5 1972., 709. 2. Vgl. dazu T. Meireis, Tätigkeit und Erfüllung.
doi:10.15496/publikation-49103 fatcat:ywvizvulfbd25khzlfztsbvccq