Von der konstruktiven Sicherung historischer Bauten

Klaus Pieper, Bernhard Brüggemann, Denkmalpflege In Baden-Württemberg – Nachrichtenblatt Der Landesdenkmalpflege
2014
Klaus Pieper/Bernhard Brüggemann: Vonder konstruktiven Sicherung historischer Bauten Unter Denkmalpflege stellt sich der Laie vorwiegend Restaurierungen von Malereien, Vergoldungen, Anstriche, vielleicht noch kunstvolle Stuckarbeiten und Putze vor. Der fortschrittliche Denkmalpfleger bemüht sich heute um soziologische Strukturen alter Städte und die Möglichkeit, deren Ausdruck, die Altstadt, zu erhalten. Der Denkmalpfleger sieht sich vor allem und immer wieder vor die Tatsache gestellt, daß
more » ... e gestellt, daß seine finanziellen Mittel nirgendwo ausreichen, um den unaufhaltsamen Verfall zu bremsen, und daß seine rechtlichen Mittel nicht genügen, um das Einzelobjekt wie das Ensemble wirksam vor Geschäftsinteressen zu schützen. Kaum einer denkt bei der Denkmalpflege aber an den Einsatz speziellster technischer Mittel, an Bohrungen und Injektionen, an schwere Spannanker und Vernadelungen, an Unterfangungen und Auswechselungen tragender Teile (Abbildung 1). "Sicherungsarbeiten" nennen wir diesen Teil der Denkmalpflege, und der Denkmalpfleger weiß, daß er, wie der Rohbau beim Neubau, etwa ein Drittel bis zur Hälfte der Gesamtkosten verschlingt. Die Statik bringt kaum jemand mit dem Begriff Denkmalpflege in Zusammenhang, und doch braucht der alte Bau sie genauso wie die neue Konstruktion. Vor jeder Sicherungsarbeit muß die Statik des bestehenden Bauwerkes zusammen mit der Diagnostizierung der sichtbaren Schäden die Ursachen für die Krankheit des Baus aufdecken; denn die Ursache der Schadenssymptome ist zu beseitigen, ehe die äußeren Schäden geheilt werden können. Aber wie hilflos ist der moderne Statiker samt seinen Rechenautomaten gegenüber einem solchen uralten Bauwerk! Welcher Ingenieur hat im Drang der von ihm geforderten Arbeiten die Zeit, sich um die Tragwirkung gemauerter Kuppeln oder gar von Kreuzgewölben zu kümmern, denen er nur einmal im Leben gegenübersteht? So ist das harte Urteil entstanden, daß die Statiker eigentlich nur festzustellen in der Lage sind, daß der Bau längst umgefallen sein müßte. Wenn er dennoch steht, entgegen der Meinung des Statikers, so ist kein technisches Wunder geschehen, sondern dann ist eben die Statik falsch. An vielen Beispielen kann nachgewiesen werden, daß es mit dem notwendigen Wissen durchaus möglich ist, auch den Zustand des gefährdeten Bauwerkes noch statisch zu erfassen und die restliche Sicherheit abzuschätzen. Vor allem aber ist es bei ausreichender Sorgfalt möglich, die Ursache jeden Schadens auch zahlenmäßig nachzuweisen und damit die Unterlagen für Sicherungsmaßnahmen zu schaffen. Außerdem ist es meist möglich, solche sichernden Konstruktionen nicht entgegen der ursprünglichen Trag-
doi:10.11588/nbdpfbw.1976.1.14578 fatcat:bejsg2xrg5abjo7bhn4sxy4m5a