Die Rückkehr der Masse. Interaktive Massenphänomene im Internet aus Sicht der Massen- und Komplexitätstheorie

Christoph Neuberger
2017 Medien & Kommunikationswissenschaft  
Kollektivphänomene im Internet aus Sicht der Massen-und Komplexitätstheorie Christoph Neuberger* Im Internet interagiert oft eine Vielzahl von Akteuren im öffentlichen Raum. Vor allem in den sozialen Medien lassen sich weitläufige, einander kreuzende Interaktions-und Diffusionssequenzen beobachten. Diese Phänomene weichen deutlich vom Modell der Massenkommunikation ab, mit dem die Kommunikationswissenschaft bisher ihren Fachgegenstand bestimmt. Hier wird vorgeschlagen, an die Massen-und die
more » ... lexitätstheorie anzuknüpfen, um die Varianz von Kollektivphänomenen in verschiedenen Kontexten zu erschließen. Aufbauend auf die ins 19. Jahrhundert zurückreichende Massentheorie lassen sich additive, disperse und kopräsente Kollektive unterscheiden. Mit Hilfe der Komplexitätstheorie können die Vielzahl und Vielfalt der Elemente und Relationen, Selbstorganisation und adaptives Handeln der Teilnehmer sowie Eigendynamik und Emergenz der Prozesse in der öffentlichen Kommunikation mit einer großen Zahl von Teilnehmern erfasst werden. Diskutiert wird die Möglichkeit der Adaption beider Theorien in der Kommunikationswissenschaft. Schlüsselwörter: Masse, Massenkommunikation, Komplexität, komplexes System Kritik der "Massenkommunikation" Der identitätsstiftende Begriff der Kommunikationswissenschaft ist bei genauer Betrachtung ein Etikettenschwindel: In der sog. "Massenkommunikation" geht es nicht um Massen, jedenfalls nicht im ursprünglichen Sinn des Wortes. Dort bezieht sich "Masse" auf eine aktive und sichtbare Masse, d. h. eine Vielzahl von Akteuren, die in einer Präsenzsituation im öffentlichen Raum interagieren. 1 Die These dieses Aufsatzes lautet: Interaktive Massen kehren in mediatisierter Form im Internet zurück, denn wie im Fall der Präsenzöffentlichkeit ermöglicht das Internet Partizipation, Interaktion und Transparenz. Deshalb lassen sich dort ähnliche Phänomene finden. Um solche Kollektivphänomene besser beschreiben und erklären zu können, wird hier vorgeschlagen, zwei Forschungstraditionen in der Kommunikationswissenschaft stärker zu berücksichtigen, die einander ergänzen: die Massen-und die Komplexitätstheorie. Die Massentheorie beschreibt und typisiert die massenhafte Beteiligung von Akteuren in unterschiedlichen Konstellationen. Mit Hilfe der Komplexitätstheorie lassen sich solche Phänomene als komplexes, d. h. selbstorganisiertes, eigendynamisches, adaptives und emergentes System begreifen. Der Massenbegriff spielt gegenwärtig keine große Rolle in der Kommunikationswissenschaft. Wie andere Grundbegriffe, so hat auch dieser eine lange Vorgeschichte des inner-und außerwissenschaftlichen Gebrauchs, wobei die negative Sicht auf die Masse als Bedrohung ("verrückte" Masse [vgl. Abschnitt 3]) oder Manipulationsobjekt (Mas-1. * Ich hatte mehrfach die Gelegenheit, die folgenden Überlegungen auf Konferenzen und in Kolloquien vorzustellen. Ich danke für die hilfreichen Anregungen und Einwände -auch für jene der anonymen Gutachter/innen. 1 Daneben ist "Masse" auch eine abstrakte Kategorie der Gesellschaftsanalyse (Massengesellschaft, -demokratie, -kultur usw.) und besitzt eine semantische Nähe zu "Volk" und "Nation" (zur Begriffsgeschichte: Koselleck et al. 1992; Vowe 2013).
doi:10.5771/1615-634x-2017-3-550 fatcat:zh2ynlkee5g6vfjbbuawbkg3ka