Ueber die Mängel der zur Zeit üblichen Prostituirtenuntersuchung1)

A. Neisser
1890 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
So sehr verlockend es auch wäre, aufdas zur Discussion stehende, mich durch die Erfahrungen meiner amtlichen Stellung seit Jahren beschäftigende Thema in all' seinen Einzelheiten einzugehen, so glaube ich doch mit Rücksicht auf die zu Gebote stehende Zeit mir diesen Wunsch versagen zu müssen. Nur das eine will ich betonen, dass ich ein entschiedener Vertheidiger einer staatlich und gesetzlich geregelten Beaufsichtigung der Prostitution bin und nur in einer solchen eine Verminderung der
more » ... derung der hochgradigen Gefahren, welche die Prostitution thatsächlich als Hauptverbreiterin der venerischen Krankheiten mit sich bringt, erblicken kann. Der Beweise, dass ohne einen Zwang eine Einwirkung auf die Prostitution unmöglich ist, giebt es so viele, dass für mich diese Frage trotz aller sonstigen, sogen. humanen und moralischen Bedenken und trotz der Erkeantniss, dass eben nur eine Verminderung, nicht eine Beseitigung der hygienischen Gefahren auf diesem Wege erreichbar ist, eine entschiedene ist. Dass der M o d u s dieser staatlich en und polizeilichen Aufsicht in Deutschland, wie in allen übrigen Ländern ein verbesserungsfähiger und verbesserungsb edürftiger ist, ist mir freilich eb enso iinz weifelhaft. Speciell sollte meines Erachtens überall darauf hingewirkt werden, dass die Prostitution aus dem öffentlichen Leben, Strassen, Theater, Concert-und Schanklocalen u. s. w. verbannt wird, damit sie nur demjenigen, der sie aufsucht, auffindbar sei, dass sie aber nicht "provocatorisch" und verführend und thatstch1ich demoralisirend auch dem Uneingeweihten sich aufdriingen kann. Heute ist es meine Absicht, nur das rein ärztlich-hygienische Moment, welches bei der zur Zeit geltenden polizeilich angeordneten Controlluntersuchung der Prostituirten in Betracht kommt, zu beleuchten.
doi:10.1055/s-0029-1207432 fatcat:t5gxntuawzddta37pzlgndch74