Ein Beitrag zur Frage der akuten Osteomyelitis der flachen Schädelknochen

1907 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Rat Dr. Iieimor in Düsseldorf. In dein Ergänzungshefte des XLVIII. Bandes der Zeitschrift für Ohrenheilkunde vom Jahre 1904 veröffentlichte R. Schilling eine ebenso fleiBige als lehrreiehe und umfassende Arbeit über die Osteomyelitis der flachen Schädeiknochen im Anschluß an Entzündungen der Stirnhöhle und des Mittelohrs. Bei der sehr großen Seltenheit der Erkrankung, selbst bei Traumen der Schädelknochen, in unserer von vornherein jede Wundinfektion nach Möglichkeit gleich im Keime
more » ... m Keime erstickenden Zeit, dürfte jeder genau beobachtete Fall ein gewisses Interesse beanspruchen, besonders dann, wenn er in seiner Entstehung und in seinem Verlaufe etwas Originelles darbietet und so die Möglichkeit gibt, dem Krankheitsbilde einige besondere Lichter aufzusetzen. Anfangs November 1905 wurde mir an einem Dienstage morgens ein etwa l3jähriges Miidchen von seinem Hausarzte zugeführt, welches plötzlich unter sehr schweren Erscheinungen erkrankt war und einen sehr entstellten Anblick des Gesichtes darbot. Das Kind war an dem vorhergehenden Sorintage vollkommen gesund gewesen und hatte fröhlich bis zum Abend mit seinen Gespielinnen ve'kehrL Es hatte sich dann unter lebhaften Schmerzen und unter starkem Frost eine Schwellung des rechten obern und untern Augenlides und der benachbarten Stirnpartie entwickelt. Der am Montag zu-gezogene Hausarzt konstatierte eine diffuse, blaurote Auftreibung der beiderseitigen Lider und der Haut der Stirn und des Scheitels rechts, mit konstantem Fieber von gegen 400, sehr beschleunigtem Pulse und schwerem Allgemeinzustande. Bei unserer gemeisamen Untersuchung fiel sofort eine kolossale Schwellung beider Augenlider rechts auf. Dieselben waren blaurot und fühlten sich sehr hart an, die Conjunctivae bulbi et palpebrarum waren so stark chemotisch gequollen, daß es nur schwer gelang, ein kleines Segment des nach vorn getriebenen Bulbus frei zu machen. Eine genaue Sehprobe war daher nicht möglich, doch konnte die Patientin Finger zählen, die Pupille reagierte auf Lichteinfall; es war ausgeschlossen, einen Befund des Augenhintergrundes aufzunehmen. Links war das obere Augenlid ebenfalls maßig geschwollen und blaurot gefarbt, es bestand geringe Ohemosis, aber keine Protrusio bulbi. Die später vorgenommene Augenspiegeluntersuchung ergab hier eine geringe Füllung der Venen und verwaschene Papillargrenze. Die Haut der Stirn und der rechten Seheitelgegend war wie ein dickes Polster aufgetrieben und zeigte ein ziemlich starkes, subkutanes Emphysem. Die begleitenden Schmerzen waren sehr heftig, es bestand ein geringer Icterus mit etwas geschwo]lener Leber und Muz, im Drin geringe Mengen Eiweiß, erster Spitzenton etwas akzentuiert. Unter den zahlreichen Fällen meiner langjährigen spezialärztlichen Tiitigkeit war mir kein .hn1iches Krankheitsbild begegnet. Daß es sich um eine Phlegmone des Zeilgewebes der Orbita und wahrscheinlich um eine Osteomyelitis des Stirnund Scheitelbeins handeln müsse, war sofort klar; woher aber stammte die Infektion? Es war naheliegend, als Quelle an eine Erkrankung der Stirnhöhle oder einer der andern Nebenhöhlen der Nase, besonders bei der hier so prägnanten Erkrankung der Orbita der rechten Keilbeinhöhle zu denken. Auf die eventuelle Erkrankung des rechten Sinus frontalis drängte schon das Einphysem. Nun ergab aber die genaue Untersuchung des Naseninnern absolut normale Verhältnisse, es war nie über die Nase geklagt worden, nie hatte Ausfluß be. standen, Kopfschmerzen, Neuralgien waren nie vorhanden gewesen. Eine Sondierung der Stirnhöhle gelang nicht. Der Zu. sammenhang des Leidens mit der Stirnhöhle und den andern Nebenhöhlen wurde somit ganz problematisch. Da auch keine sonstige Infektionskrankheit vorhergegangen war und kein Trauma stattgefunden hatte, standen wir betreffs der Aetiologie vor einem Rätsel, und so mußten wir un denn, so wenig uns dieses auch wahrscheinlich zu sein schien, zu der Annahme bequemen, daß es sich um ein spontanes Auftreten der Phlegmone und der Osteomyelitis, wie in dem von R. Schilling mitgeteilten H. Fischerschen Falle, handele. Die Aufklärung kam erst später, wie ich in der Epikrise mitteilen werde. Am nächsten Morgen Operation: Spaltung der Haut am unteren Rande des rechten Arcus supraorbitalis, auf diesen bogenförmigen Schnitt wird ein senkrechter in der Mitte der Stirn bis zum Parietale gesetzt. Sofort entweicht mit gelbbräunlichem Eiter übelriechendes Gas. Die breit freigelegte Orbita zeigte das Fettund Bindegewebe in eine mit Eiterherden durchsetzte, schwärzlichgraue Masse umgewandelt, in welcher thrombosierte Venen deutlich hervortraten; Entfernung der vereiterten Partien bis zum Foramen opticum. Das rechte Stirnbein zeigt einige Zentimeter oberhalb des Foramen supraorbitalo mehrere Erweichungshorde im Knochen, deren mittlerer nach unten gegen den oberen Augenhöhlenrand, nach links gegen das linke Stirnbein und nach oben rechts gegen den Stirnhöcker, die äußere Compacta unterminierend, tunnelartig sich lortsetzte, ähnlich dem L au r ens schen Falle der ôô jährigen Frau. Die äußere Compacta wurde fortgenommen, die Lamina vitrea zeigte sich fest und ohne sichtbare Veränderung. Es machte den Eindruck, als wenn der Prozeß von der Augenhöhle aus in den diploetischen Venen fortgeschritten sei. Bei dem Versuche, die rechte Stirnhöhle zu eröffnen, fiel die enorm stark entwickelte Diplo auf, der rechte Sinus frontalis fehlte, beim weiteren Meißeln kam man auf die intakte Dura. Die weitere Verfolgung des nach dem linken Frontale ziehenden Kanals führte zu der grün-schwarz verfärbten, vorderen Wand der linken Stirnhöhle, welche so erweicht war, dull sie sich mit dem Knochenmesser schneiden ließ. Die weite Stirnhöhle enthielt dünnen Eiter. Die vordere Wand mitsamt der schwärzlich verfärbten, mukös-periostalen Auskleidung wurde entfernt, ebenso ein Teil der orbitalen Wand. Um den Abfluß nach der tiefsten Stelle zu sichern, wurde der senkrechte Schnitt über den obersten Teil des Nasenrückens fortgeführt, die Haut seitlich abgehebelt, das Nasenbein mit einem dünnen, flachen Meißel links einige Millimeter von der Verbindungsuaht mit dem Nasenbein 142* 11. Juli. DEUTSCHE MEDIZIN [SC LIE WOCHENSCHILIFT. 1131 Dieses Dokument wurde zum persönlichen Gebrauch heruntergeladen. Vervielfältigung nur mit Zustimmung des Verlages.
doi:10.1055/s-0029-1188882 fatcat:i4lo6of6hfgfvhsksc3dqa3qca