Das gerettete Wissen. Flutkatastrophen und geheime Archive [chapter]

Martin [Hrsg.] Mulsow, Jan [Hrsg.] Assmann
2017
Unter den vielen Aspekten, die die Themen Sintflut und Gedächtnis miteinan der verbinden, zeichnet sich einer durch eine besonders lange, bis in die Antike zurückreichende Überlieferungsgeschichte aus. Das ist der Topos der Sintflut als einer Gedächtniskatastrophe, der sich mit der Deutung uralter, unlesbar ge wordener Inschriften als Aufzeichnungen vorsintflutlichen Wissens verbindet. Viele Völker der Antike lebten inmitten rätselhaft gewordener Relikte eines um weitere Jahrtausende
more » ... enden Altertums. In Mesopotamien, wo der biblische Flutmythos seinen Ursprung hat, rühmt sich schon der neuassyrische König Assurbanipal im 7Jh. v. Chr., Inschriften "aus der Zeit vor der Flut" lesen zu können. 1 Er scheint der erste jener Eingeweihten zu sein, die ihr über ragendes Wissen aus dem exklusiven Zugang zu vorsintflutlichen Aufzeich nungen beziehen. Im 1. Jt. v. Chr. erblickte man in den Ruinen des 3. Jt. die Monumente eines "klassischen" Altertums und eines zugleich fremd und vor bildlich gewordenen Goldenen Zeitalters. Einen noch stärkeren Fremdheitsef fekt mußten solche Relikte auf Völker ausüben, die jede kulturelle Kontinuität mit den ursprünglichen Errichtern verloren haben, wie etwa in Ägypten und Palästina die Griechen, Juden, Araber sowie die christlich und muslimisch ge wordenen Ägypter selbst angesichts der altägyptischen, von unlesbar gewor denen Hieroglyphen bedeckten Monumente. Der folgende Beitrag will diesem Topos in der abendländischen Überlieferung nachgehen. Mit der Sintflut ging das ursprüngliche Schöpfungswissen verloren, das sich von Adam auf seine Nachkommen vererbt hatte. 2 Interessant ist diese Überlie ferung vor allem deswegen, weil sie mit der Vorstellung verbunden ist, ein Rest dieses Urwissens sei gleichwohl gerettet worden. Genau wie durch Noah und seine Arche ein Rest des Lebens auf dieser Erde über die Sintflut hinweg geret tet werden konnte, so ist auch durch schriftliche Aufzeichnung ein Rest des Ur wissens erhalten geblieben. Typischerweise verbindet sich diese Überlieferung mit dem Motiv zweier Pfeiler oder Stelen, auf denen Adam oder seine Nach kommen dieses Urwissen inschriftlich kodifiziert hätten. Am bekanntesten ist die schon von Josephus Flavius berichtete frühjüdische Legende, die diese Ko 1 Stefan Maul, "Altertum in Mesopotamien. Beiträge zu den Sektionsthemen und Diskussionen", in: Dieter Kuhn/Helga Stahl [Hrsg]: Die Gegenwart des Altertums. Formen und Funktionen des Altertumsbezugs in den Hochkulturen der Alten Welt
doi:10.11588/propylaeumdok.00003368 fatcat:5qsgiiw3p5dz7pocekhiifhns4