Recensionen

1902 Kant-Studien  
Recensionen. Windelband, W. Geschichte der Philosophie. Zweite, durchgesehene und erweiterte Auflage Tübingen, J. C. B. Mohr, 1900. (VIII u. 571 S.) Ziemlich schnell ist die erste Auflage von Windelbands "synoptischkritischer" Geschichte der Philosophie vergriffen worden, und es steht zu hoffen, dass die nun vorliegende zweite Auflage in noch kürzerer Zeit von diesem Schicksal ereilt werden wird. Denn es ist kein Zweifel: das eigenartige Buch hat sich sein Terrain erobert. Eine weiter gehende
more » ... nhelligkeit, als man in philosophischen Dingen anzutreffen pflegt, besteht hinsichtlich der Antwort auf die Frage nach der anregendsten und feinsinnigsten Darstellung der gesamten Geschichte der abendländischen Philosophie. Wie sehr sich die eminenten Vorzüge des Werkes ins Auge drängen, wird in bezeichnender Weise, durch die Thatsache illustriert, dass in der jüngeren Zeit Versuche gemacht worden sind, Windelbands Methode auf die Behandlung speziellerer Gegenstände anzuwenden (ich denke z. B. an Braunschweigers "Lehre von der Aufmerksamkeit in der Psychologie des 18 Jahrhunderts", Leipzig 1899). -Windelbands Buch ist aus der Überzeugung heraus geschrieben, dass Geschichte der Philosophie selbst Philosophie ist, und in diesem Sinne ist es zugleich ein systematisches Werk: sein Thema ist der Nachweis, dass der Gegenstand der Philosophie die allgemeingiltigeii Werte sind, und es erbringt diesen Nachweis, indem es zeigt, wie aÜe anderen Tendenzen, die in der geschichtlichen Entwicklung als Philosophie aufgetreten sind, entweder in die positiven Wissenschaften haben einmünden müssen oder zur Selbstzersetzung geführt haben. So ist diese Geschichte der Philosophie selbst in philosophischer Absicht geschrieben, und darum ist sie unendlich viel mehr als eine blosse Doxographie: sie ist die systematische Durchdringung des wesentlichen Gedankenstoffes der philosophiegeschichtlichen Bewegung. Man merkt es dem Buche allenthalben, auch an den nicht von Hegel selbst handelnden Stellen, an, dass sein Verfasser nicht verschmäht hat, bei dem vielgescholtenen konstruktiven Idealisten in die Schule zu gehen, von dem eben doch die entscheidenden Anregungen ausgegangen sind, denen die Geschichte der Philosophie ihr wahrhaftes Dasein verdankt. Giebt es doch bis zum heutigen Tag trotz aller antihegelschen Strömungen noch kein einziges wirklich wertvolles Werk über Geschichte der Philosophie, dessen Verfasser nicht von Hegel gelernt hätte -und es wird auch späterliin nie ein solches geben, denn Hegel hat für diese Disciplin Grundlagen aufgezeigt, die ihr unverlierbar sein werden. Freilich konnte man nicht bei Hegel stehen bleiben: es galt hinauszukommen über den Philosophen, der tief in den Voraussetzungen seiner Zeit stak, so tief, dass sich die Mängel seines Systems nur dann richtig verstehen lassen, wenn man in ihnen die Mängel des Kulturbewusstseins jener Epoche der Romantik sieht, welches als der zu sich selbst gekommene Brought to you by |
doi:10.1515/kant.1902.7.1-3.444 fatcat:ydxlws2asfdgriw3llf5djutqa