Planetarer Notfall

Fatimah Saehrendt
2020 Bulletin des Médecins Suisses  
Brief zu: Fumeaux T. Le patient doit mieux pouvoir participer aux décisions thérapeutiques. Schweiz Ärzteztg. 2020;101(12):434-6. In seinem Artikel «Le patient doit mieux pouvoir participer aux décisions thérapeutiques» unterstreicht T. Fumeaux die Bedeutung der Patientenverfügung in der Intensivmedizin [2020;101(12)434-6]. Seine Forderung hat mit der Corona-Virus-Pandemie eine neue Dimension erhalten. Mit der drohenden Ressourcenknappheit können schwierige ethische Entscheidungen anfallen, sei
more » ... ungen anfallen, sei es für die Patientinnen und Patienten selbst oder im Fall von Urteilsunfähigkeit für deren Angehörige und Behandlungsteams. Während Jüngere meist den vollen Einsatz aller Mittel wünschen, nehmen Ältere und/oder chronisch Kranke nicht selten eine zurückhaltendere Haltung ein. Wurde in gesunden Tagen über die Erwartungshaltung an die Medizin gesprochen und in einer Patientenverfügung festgehalten, wird dies den Entscheidungsfindungsprozess wesentlich beeinflussen und unterstützen. Persönlich gehöre ich altersmässig zur Risikogruppe und blicke auf ein erfülltes Leben zurück. Meine Verfügung habe ich deshalb so ergänzt: Sollte ich an einer Covid-19-Lungenentzündung leiden und die Verlegung auf eine Intensivstation zur Diskussion stehen, will ich, dass eine lebensverlängernde Behandlung unterlassen wird (insbesondere Beatmung oder Reanimation). Stattdessen sollen palliative Massnahmen durchgeführt werden. Sprechen Sie Ihre Patienten, Angehörigen und Freunde darauf an: Participez aux décisions thérapeutiques! Prof. Dr. med. Gregor Schubiger, Ebikon Planetarer Notfall! Es ist überwältigend zu sehen, wie Menschen in einer Krisensituation zu Handlungen fähig sind, die das Gemeinwohl fördern. Angesichts der kollektiven Bedrohung werden Solidarität, Mitgefühl und Fürsorge im Alltag wieder erlebbar und selbstverständlich. Die gegenwärtige Gesundheitskrise ermöglicht es uns, unsere Verbundenheit und gegenseitige Abhängigkeit als Menschheit und von der Natur zu erfahren. Dies ist die Zeit, neue Wege des Menschseins zu beschleunigen, um in unseren planetari-schen Grenzen leben zu können. Der Erhalt der Menschheit hängt von deren Investition in die Zukunft ab. Das derzeitige Erwachen der Menschlichkeit gilt es nun zu kultivieren, um zukünftigen Generationen eine lebenswerte Welt zu ermöglichen. Wir müssen uns auch fragen, warum die menschlichen Gesellschaften plötzlich die Bereitschaft zeigen, die notwendigen Schritte zu unternehmen, um das Coronavirus als unmittelbare Bedrohung zu bekämpfen, aber gleichzeitig nicht die Massnahmen ergreifen, um die längerfristige Bedrohung durch die Klimakrise zu mildern. Sind die menschlichen Gehirne unfähig, für nicht unmittelbare Bedrohungen zu planen oder auf sie zu reagieren? Oder sind sie etwa nur in der Lage zu handeln, wenn sie sich selbst und ihre nächsten Angehörigen bedroht sehen? Wenn ja, wie können wir strukturelle und systemische Veränderungen durchführen, die diesem Verhalten entgegenwirken? Denn wenn wir die gleiche Energie und Dynamik wie für die Covid-19-Krise in die Klimakrise gesteckt hätten, würden wir bereits heute einer enkeltauglichen Zukunft entgegenblicken können. Angesichts der unmittelbaren Bedrohungen durch den Klimawandel und der allgegenwärtigen Ungerechtigkeit bringt die neue WHO-UNICEF-Lancet-Kommission ein überzeugendes ethisches und wirtschaftliches Argument für eine gesicherte Zukunft der Kinder der Welt. Die Kommission setzt sich dafür ein, dass Kinder im Mittelpunkt der Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDGs) stehen und dass ihre Gesundheit und ihre Rechte weltweit geschützt werden [1]. Weltweit protestieren Schulkinder und Jugendliche zu Millionen gegen die Zerstörung der Natur und Biodiversität durch die Wirtschaft mit fossilen Brennstoffen und für Klima gerechtigkeit. Es ist unsere Aufgabe, die neu gewonnenen offenen Herzen zu für diese Stimmen und Fähigkeiten der jungen Generationen und für eine nachhaltige und gesunde Zukunft des Planeten zu stärken. Die aktuelle Lage zeigt uns, dass für radikale Lösungen auch radikale Massnahmen erforderlich sind. Die Menschen waren bisher nicht bereit dazu, aber das erstmalige Erlebnis eines globalen gesundheitlichen Notstandes gibt uns einen Vorgeschmack auf zu erwartende weltweite Probleme in der Klimakrise. Covid-19 lehrt uns, dass Klimakrise und Gesundheitskrise untrennbar miteinander verflochten sind. Damit wir aus der Notlage herauskommen und eine Vielzahl weiterer Katastrophen wie Die Gesellschaft und Corona Die Schweiz im Taumel einer weltweiten Grippeepidemie. Was wir beobachten in unseren Tagen: das Spiegelbild einer verwöhnten und überalterten Gesellschaft. Sterben war weit in die Ferne gerückt, und die Medizin, die ja so teuer ist, hatte sich jedem Problem und jeder Todesgefahr in jedem Alter anzunehmen! Die meisten glauben wohl immer noch an den Darwinismus, aber wenn das Prinzip der natürlichen Selektion einmal etwas deutlicher zutage tritt, gerät man in Panik. Die Perspektiven werden verschoben, und ganze Zweige von Wirtschaft und Tourismus werden schwer geschädigt, um die Kurve der Infektionen etwas verflachen zu können. Es mag durchaus sinnvoll sein, dass man den gefährdeten Gruppen dringend empfiehlt, sich für eine Zeit selbst zu isolieren, und dass man sie unterstützt dabei, dass sie sich nicht exponieren müssen. Aber muss man deshalb eine ganze Volkswirtschaft an die Wand fahren? Die Statistiken zeigen klar, welche Altersgruppen und Vorerkrankten die Gefahr laufen, die Grippe nicht zu überstehen. In Afrika (wo ich eine Zeit lang gearbeitet habe) und andern Gebieten auf der Welt, ist man gewohnt, vorhandene Ressourcen so aufzuteilen, dass die mit der grössten Chance zu überleben zuerst bedient werden (z.B. mit Intensivtherapie). Wäre es nicht an der Zeit, etwas mehr Bodenhaftung zu entwickeln und sich zwar gewisser Risiken bewusst zu werden, aber sie auch differenziert einzuschätzen? Unser aller Leben kann jederzeit in Lebensgefahr geraten, und diese verhindert werden können, müssen wir noch mehr als bisher zusammenarbeiten. Aufgrund der Auswirkungen von Covid-19 haben führende Politiker der Welt erkannt, dass ein kollektives Handeln notwendig ist, um die Schwächsten zu schützen. Diese Erkennt nis ist aufrechtzuerhalten und zu stärken, um die Rettung des Klimas, der biologischen Vielfalt und um nachhaltige Wirtschaftsmodelle zu erreichen. Corona zeigt uns, dass es ginge, wenn wir wollten.
doi:10.4414/bms.2020.18825 fatcat:du3hakevqnh5phvlj6c5ksvnie