De origine actibusque Getarum: Textanalytische Gedanken zur Gotengeschichte des Jordanes

Christian Zottl, Wien
2004 Concilium medii aevi   unpublished
Der Glaube an eine glorreiche Abkunft spielt mitunter eine besonders dominante Rolle beim Herausbilden der Identität eines Individuums. Von klein auf sind wir mit gewissen Vorstellungsmustern, Denk-und Verhaltensnormen durch unser Elternhaus, unsere Erziehung, sowie durch zahlreiche Geschichten und Erzählungen geprägt. Zu-mindest in diesem Punkt des Ausbildens eines gewissen Eigenverständnisses mögen uns frühmittelalterliche Menschen gar nicht so unähnlich gewesen sein. Grundsätzlich wird eine
more » ... sätzlich wird eine jede Erzählung, mehr oder minder zwangsläufig, durch Be-ginn und Ende begrenzt, deren spezifische Ausformungen stark von den persönlichen Wirkungsvorstellungen und Grundaussagen des Erzählers 1 als Person abhängig sind. Im zwischen diesen Determinanten liegenden Erzählstrahl hingegen bestehen unter-schiedlichste Möglichkeiten und Freiheiten der Entfaltung, welche sich an Kategorien, wie etwa Zeit, Raum, Wertvorstellungen, Protagonisten oder beispielsweise nennens-werten Ereignissen, ausrichten können. Üblicherweise ist der kunstfertige Erzähler auch daran interessiert, seine intendierten Vorstellungen innerhalb eines gesetzten Er-zählrahmens zu vermitteln. Im Falle fiktiver Literatur meint der Erzählrahmen grund-sätzlich all jenes, was erzählt werden soll; diese Elemente kreieren erst die Geschichte als solche, die der Autor zu berichten wünscht. Zwar bestehen für unterschiedliche literarische Genres zum Teil verschiedene (Grund)Regeln, doch oft gewinnt eine Er-zählung erst durch das Verletzen allgemein gültiger Erwartungen an Reiz und Aus-drucksstärke. Begeben wir uns jedoch auf das weitaus heiklere Terrain der Historiographie, so bietet sich uns eine vollkommen andere Situation: Beginn und Ende in der Geschichte festzusetzen, muss-vom heutigen Standpunkt aus betrachtet-fruchtlos bleiben, da grundsätzlich alles, zwischen der Erschaffung der Welt (welche klarerweise nicht da-1 Obgleich der Verfasser dieses Aufsatzes sich geschlechtsspezifischer Unterschiede und auch des Vorhandenseins weiblicher Autoren bewusst ist, werden, aufgrund der höheren Leserfreundlichkeit, nur die Pronomina und Determina eines Geschlechts verwendet. Dass die Wahl dabei auf die masculi-na fiel, gründet in keinsterweise in der Diskriminierung des Weiblichen, sondern ist auf das eigene Geschlecht des Verfassers zurückzuführen.
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