Frauenstudium und Frauentauglichkeit

H. B. Adams
1896 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Nicht zu einer Besprechung des Frauenstudiums möchte ich mir einen kurzen Raum erbitten. Das Frauenstudium geht seinen Gang nach ökonomischen Gesetzen, an denen Zeitungsartikel nichts ändern. 'Wer diese Gesetze nicht verfolgt und auch aus der praktischen Lehre der 600 russischen und 5000 amerikanischen Aerztinnen keine Schlussfolgerung zieht, wird einer theoretischen Beweisführung schwerlich zugängig sein. Nur einige Punkte möchte ich aus der Debatte herausgreifen, weil es mir scheint, dass sie
more » ... r scheint, dass sie gewöhnlich, sehr zum Nachtheil der Sache und der Frauen selbst, von beiden Seiten ignorirt oder geläugnet werden. Zunächst das Sittlichkeitsmotiv als Grund zur Ausbildung von Aerztinnen. Dio Frauen, so heisst es, sollen und wollen nur Frauen consultiren. Das ist zugleich eine Beleidigung der Aerzte und den Thatsachen und dem gesunden Menschenverstand ein Schlag in's Gesicht. Freilich sind die Gefühle sehr verschieden, und es giebt allerdings Frauen und Mädchen, besonders bei den unnatürlichen heutigen Verhältnissen, welche sich leichter an eine Frau als an einen Mann wenden, und es ist nur recht und billig, dass solchen die Gelegenheit dazu nicht vorenthalten werde. Im allgemeinen aber ist es nicht wahr, dass Frauen sich scheuen, sich von männlichen Aerzten behandeln zu lassen, und es wäre schwer einzusehen, weshalb sie sich scheuen sollten. Die Wissenschaft hat kein Geschlecht. Ebensowenig aber ist einzusehen, weshalb die Männer sieh scheuen sollten, sieh von weiblichen Arzten behandeln zu lassen. Das Geschlecht hat in dem einen Fall so wenig zu sagen, wie in dem anderen. Auf die Leistungsfähigkeit allein kommt es an. Aber gerade die Leistungsfähigkeit der auszubildenden weiblichen Aerzte wird von den Gegnern des Frauenstudiums in Abrede gestellt. Geben wir ihnen unumwunden zu, dass sie für das Gros der Frauen Redit haben. Ohne auf den ehrwürdigen Streit um die relative Hirngrösse einzugehen, welcher ja von seinem Urheber Broce schliesslich zu Gunsten Dieses Dokument wurde zum persönlichen Gebrauch heruntergeladen. Vervielfältigung nur mit Zustimmung des Verlages.
doi:10.1055/s-0028-1139436 fatcat:ybtpnvwwtndkvmf56tsn65mzbm