Afrikabilder in Kinder- und Jugendmedien: Das Beispiel der "Hottentotten" und "Buschmänner" (Khoisan)

Roger Meyer
2012
Die südafrikanische Künstlerin und Kuratorin Pippa Skotnes schildert in ihrem Aufsatz The Politics of Bushman Representations 1 , wie sich in den späten 1980er Jahren im South African Museum in Cape Town (Kapstadt) ein Diorama, das ein "Buschmann" 2 -Lager im 19. Jahrhundert darstellte, höchster Beliebtheit bei den Besucherinnen und Besuchern erfreute. Die insgesamt dreizehn ausgestellten männlichen und weiblichen Figuren wurden nach lebensechten "Vorlagen" mithilfe von Gipsformen in
more » ... ormen in Lebensgrösse gegossen, detailgetreu bemalt und in einer entsprechenden "Steppen"-Kulisse arrangiert. Skotnes beobachtete enthusiastische Lehrkräfte, Museumsführer und -führerinnen sowie selbsternannte Fachleute dabei, wie sie zum Teil alte, koloniale Stereotypen aus dem 19. Jahrhundert über die San -eine zum Teil akzeptierte Bezeichnung für die früher und bis heute noch "Buschmänner" genannten Menschen des südlichen Afrika -an die Museumsbesucher weitergaben. Viele begannen ihre Vorträge mit einer Beschreibung des Körpers der San. 1996 rekonstruierte die renommierte Künstlerin mit ihrer eigenen Ausstellung Miscast: Negotiating the Presence of the Bushmen, die San-Repräsentationen, um auf die stereotypen und falschen Zuschreibungen aufmerksam zu machen und sie zu durchbrechen. In der Folge soll versucht werden, die verschiedenen Repräsentationen der indigenen Bevölkerung im südlichen Afrika in an Kinder und Jugendliche adressierten Medien auszuleuchten und zu analysieren. Dabei wird auch ein allfälliger Wandel dieser Repräsentation im Laufe der Zeit berücksichtigt. Die gedankliche Leitlinie dieser Analyse soll das von Jacques Derrida eingeführte und in den Postcolonial Studies zentrale Konzept der Dekonstruktion 3 bilden. Das konstruierte Afrika-Bild Frantz Fanon, der auf Martinique geborene Arzt und Philosoph stellte 1952 fest: "Wir werden an anderer Stelle zeigen, dass das, was man die schwarze Seele nennt, häufig eine Konstruktion des Weissen ist." 4 Auch der jamaikanische Reggae-Weltstar Bob Marley -selber Nachkomme einer 1 Skotnes 2002, S. 254-255. 2 Die Verwendung dieses diskriminierenden Begriffes soll in diesem Beitrag beleuchtet werden. 32 "schwarzen" Mutter und eines "weissen" Vaters -sang 1979 im Lied Babylon System gegen Fremdbestimmung an: "We refuse to be, what you wanted us to be." 5 Wie zeigt sich diese Konstruktion des Bildes des "Schwarzen", des "Afrikaners" -des "Negers", wie er früher unwidersprochen genannt werden durfte -in der Literatur und im Film für Kinder und Jugendliche bis heute? Vor allem: wie und vor welchem Hintergrund sind die Konstrukte über Jahrhunderte entstanden? Diese Fragen, die sich bei der Dekonstruktion des tradierten Afrikabildes bewähren, stehen im Folgenden im Zentrum und helfen, den Blick auf den Machtaspekt europäischer Repräsentationsweisen 6 zu werfen. Historisch betrachtet war das Zusammentreffen zwischen Europa und Afrika geprägt von einem erheblichen Machtgefälle. Dabei bezeichneten sich die Europäer selbst als "Zivilisierte" und stempelten die Afrikaner als "Wilde" und "Primitive" ab. In der Fremdwahrnehmung spiegeln sich die herrschenden Machtverhältnisse. Daniel Defoes Robinson Crusoe (1719) zeichnet mit dem Verhältnis zwischen Freitag und Robinson Crusoe ein dichotomes Modell, das ein Muster für die koloniale Literatur entwarf und die Populärkultur über Jahrhunderte prägte: Der "schwarze" Mensch dient dankbar dem "weissen" Menschen, während dieser Zivilisation und Christentum bringt und die "Schwarzen" vom Wilden, Kannibalischen erlösen soll. 7 Dieses Denkmodell, wonach eine Gruppe der anderen moralisch, intellektuell und gesellschaftlich überlegen und deshalb dominierend sei, ist konstitutiv für von kolonialem Gedankengut geprägte Schriften. 8 Da die meisten Diskurse über Afrika dieses Machtverhältnis bis in die Gegenwart zementieren, hinterfragen Afrikaner und Afrikanerinnen die Kompetenz der Europäer, Afrika darzustellen. Kojo Attikpoe, in Togo geborener Literaturwissenschaftler, stellt fest, dass eines der Hauptprobleme der literarischen Konstruktion Afrikas die Frage nach der Plausibilität, der Glaubwürdigkeit -hier sei nicht die Wirklichkeit gemeint -des Erzählten sei: "In einem fiktiven Werk beruft sich ein Autor auf seine schöpferische Phantasie. Aber dies wird zum Problem, wenn die Repräsentation des Fremden kuriose Ausmasse annimmt. [...] Im vorliegenden Fall -Afrika -ist der kritische Blick besonders wichtig, denn ohne diesen besteht die Gefahr, dass der Leser alles Erzählte über Afrika als 'authentisch' aufnimmt." 9 Dagegen geht Homi K. Bhabha von einem heterogenen Begriff der Macht aus. Sowohl das herrschende als auch das beherrschte Subjekt zeichneten sich durch ihre Hybridität aus. Um das System der kolonialen Abhängigkeit zu präzisieren, bezieht sich Bhabha insbesondere auf Frantz Fanon, der den Kolonialismus als neurotisches Spiegelverhältnis beschreibt. Schwarze und weisse Personen seien durch einen Spiegelblick miteinander verbunden, der Selbst und Anderes überlagere. Der Blick auf den "Schwarzen" ermögliche dem "Weissen" die Selbstwahrnehmung als Ideal, als Ursprung jenseits der Differenz der Hautfarbe. Bhabha übernimmt hier psychoanalytisch-poststrukturalistische Kategorien, um das hierarchische Verhältnis zwischen kolonialem Machthaber und 5
doi:10.5167/uzh-75759 fatcat:skqabu4t3bg4rp4arqng3o4neu