Bemerkungen zur praktischen Anwendung des Isoforms

B. Heile
1906 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Isoforms, die aus den Reihen der Praktiker zu meiner Kenntnis gelangt sind, haben mir gesagt, daß das Isoform nicht immer in richtiger Weise angewendet wird. Es will mir scheinen, als ob die Bedingungen, unter denen die Verwendung eines starken Antisepticums angezeigt ist, sehr verschieden ausgelegt werden. Der Standpunkt, den ich selbst in der Frage der Antisepsis einnehme, ist vielfach mißverstanden. Des weiteren scheinen mir die Eigenschaften des Isoforms nicht genügend beachtet und
more » ... achtet und gewürdigt zu werden. Auf Anregung von Mikulicz hatte ich mich seinerzeit zur Nachprüfung der gebräuchlichen Antiseptica entschlossen. 1) Nachdem jahrelang an der Breslauer Klinik die reine Asepsis durchgeführt worden war, wuchs allmählich wieder die Neigung, für viele Manipulationen zur Anwendung von Antisepticis zurückzukehren. lin übrigen hatte Mikulicz schon immer vor einem zu weit gehenden Vertrauen auf die Möglichkeit einer "Asepsis" gewarnt. Im außerklinischen Betriebe (Landpraxis etc.) hielt er z. B. den Gebrauch von Antisepticis für nicht zu umgehen. Ich selbst konnte in früheren Untersuchungen2) den Nachweis erbringen, daß in großen Verbandräumen beim einfachen Verbandwechsel die im Mull sitzenden Bakterien im großen Umkreis verstreut wurden. Es lag die Gefahr nahe, daß stark infizierte Wunden beim einfachen Verbandwechsel die Krankenräume aufs schwerste infizierten. Diese mehr hygienische Seite wurde auf der Klinik von Mikulicz als nicht unwesentlich angesehen, und gerade deshalb entschloß ich mich, die vorhandenen chemischen Mittel auf ihre antiseptische Wirksamkeit zu prüfen. Es wurde ein Antisepticum verlangt, das nicht nur die Bakterien auf den eiternden Wunden, sondern auch die dem eitrigen Verbande anhaftenden Keime zum mmdesten in ihrer Wirksamkeit so weit hemmte, daß eine Weiterverschleppung von Keimen ausgeschlossen war. Die Anwendung von Antisepticis zur Beförderung der Wundheilung sowohl dort, wo wir nur Eiterung fürchten, als dort, wo wir eine rein aseptische Wunde vor Bakterien schützen wollen, läßt sich nach dom derzeitigen Stande unserer wissenschaftlichen Kenntnisse und praktischen Erfahrungen viel schwieriger begründen, als die zur Bekämpfung einer vorhandenen Wundeiterung. Die Wundheilung ist von so vielen Bedingungen abhängig, daß sie sicher nicht allein durch Bekämpfung der Bakterien befördert wird. Besonders jetzt, wo wir durch die neuen Heilmethoden von Bier die mannigfachste mechanische Beeinflussung der Wunde schätzen gelernt haben, und wir gesehen haben, wie wesentlich für die Wundheilung andere Zirkulationsbedingun gen, Abfluß des Eiters, und nicht zum wenigsten Abstoßung des kranken Gewebes (Reinigung der Wunden) sind, werden wir in der Anwendung der chemisch wirkenden Antiseptica nur ein Hilfsmittel zur Bekämpfung einer der Ursachen der verlangsamten Wundheilung, der Wundinfektion, sehen. Die "Infektion" der Wunde nur als eine Begleiterscheinung der verzögerten Wund-1) Heile, Experimentelle Prüfung neuer Antiseptica. Volkmanns Sammlung klinischer Vorträge 1905, No. 388 -2) Heil e, Experimentelles zur Frage der Operationshandschuhe, nebst Beiträgen zur Bedeutung der Luftinfektion. y. Bruns Beiträge zur klinischen Chirurgie Bd. 32, H. 3. heilung zu betrachten und die Bakterien nur als harmlose Parasiten aufzufassen, hieße über das Ziel hinauszuschießen.
doi:10.1055/s-0029-1188642 fatcat:55sn64qinffxjoxwhkm6sb3veq