Indikationen und Methodik der Digitalistherapie

Hermann Eichhorst
1905 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Sie haben heute und an den vorausgehenden Tagen mit mir eine Reihe von Herzkranken gese4ien, bei welchen wir ohne Ausnahme, soweit die arzneiliche Behandlung in Frage kam, unsere Hoffnung auf die Wirkung der Digitalisblätter gesetzt haben. Die kurze Zeit hat bereits ausgereicht, bei vier unserer Kranken den unverkennbaren Beweis zu liefern, daB unsere Erwartung, ich mochte sagen, reichlich in Erfüllung gegangen ist. Sie erinnern sich an unseren ersten Kranken. einen Mann von 35 Jahren, mit den
more » ... 35 Jahren, mit den ausgesprochenen Zeichen einer inkoinpensierten Mitralklappeoinsiuffizienz. Hochgradig cyanotisch, keuchend und: ersehert atmend, mit jagender und unregelmäßiger l-Terzbewegung. ihit intermittierendem Puls. starken Oedeinen der Haut, reichlichem Ascites und Hydrothorax, mit einer täglichen Harnausseheidung von 500-300-450 cern -sahen wir ihn vor drei Tagen vor uns; und heute, welche Veränderung! Unser Kranker atmet ruhig; sein Puls ist von 120 auf 84 Schläge heruntergegangen, ist regelmäßig geworden und hat die Intermittens verloren; der Ham erreichte schon am ersten Tage nach unserer gemeinsamen Untersuchung 2500 ccm. l'ente ist er sogar bis 5000 cern angestiegen; die Hautödeme sind so bedeutend geschwunden, daß die Haut auf den Beinen infolge von sehr schneller Entspannung gefaltet und gerunzelt aussieht, und auch Ascites und Hydrothorax lassen eine sehr bedeutende Abnahme erkennen. Dieser glänzende und schnelle Erfolg trifft uns nicht ganz unvorbereitet, obschon wir uns davor hüteten, ihn als "numstößlich sicher anzunehmen. Auch da 27jährige junge Mädchen mit Aortenklappeninsuffia,enz, welches Sie unmittelbar darauf mit mir gesehen haben, und welches, abgesehen von seiner blassen Gesichtsfarbe, ähnliche Erscheinungen we unser erster Kranker darbot und auch in hohem Grade unter qualvollen Stauungserscheinungen zu leiden hatte, ist (lurch den Digitalisgebrauch überraschend schnell von seinen Hauptbeschwerden befreit worden und weiß kaum genug Worte des Dankes und der Anerkennung für ihre Aerzte zu finden. Ebensowenig hat die Digitalis unser Vertrauen bei jenem ß3jáhrugen getäuscht, der an hochgradiger Arteriensklerose der peripheren Arterien litt, ein stark erweitertes und hypertrophisches Herz darbot, das sich überstürzt und unregelmäßig bewegte. bei jenem Mann. der schon seit langem Zeit keinen Schlaf finden konnte. weil Beäug.tigungeru und schmerzhafte Zusammenzieluungen in (leu Ilerzgegend ihm die Naclutruhe rauubten. Und jener l7jThrige Junge. der während eines G-elenkrheuuunatismuus eine sero-fibrinöse Her'.beutelentzündung davongetragen hatte, de" wir noch vorgestern in bedenklicher Atemnot und mit jagenden Zusamnuenzieluungen des T-iemzmuskels beobachtet haben. auch er erfreut sich heute der segensreichen Wirkungen der Digi-I talis. ist von Atemnot befreit und hat einen langsarneuu und voll. r ständig regelmäßigen Puls. Schon diese wenigen Krauuken haben ausgereicht, uns im Verlauf vouu wenigen Tagen in eindringlichster Weise zuu zeigen, eine jw-je gewaltige Heilkraft den Blättern des roten Fingerhutes, Digitalis purpiirea, zukommt. Suchen wir uns heute zunächst darüber klar zu werden. unter welchen Umständen der praktische Arzt von den Digitalisblättern Gebrauch machen soll und welche Vorschriften el zu beachten hat, wenn der Erfolg möglichst schnell und sicher eintreten soll, mit andern Worten: Indikation und Methoden der Digitalistherapie mögen den Vorwurf für unsere heutige klinische Zusammenkunft bilden. Ich selbst bringe der Digitalis nur in einer Beziehung mein vollstes Vertrauen entgegen und halte alle anderen Heilwirkungen, welche man ihr noch nachgesagt hat, für sehr unsicher und zum Teil auch für unbewiesen. Wenn sich aus irgend einem Grunde Herzmuskelschwäche entwickelt hat, dann sind die Digitalisblätter das zuverlässigste Mittel, um die Herzkraft wieder zu heben. Bis jetzt ist kein Herzmuskeltonicum bekannt, welches auch nur annähernd mit der gleichen Schnelligkeit und Zuverlässigkeit den ermatteten Herzmuskel stärkt wie die Digitalis. Erkrankungen der Herzklappen und des Heu'zmuskels führen, wie uns allen sattsam bekannt ist. am allerhäufigsten zu Herzmuskelschwäche, und so erklärt es sich auch hinlänglich, daß wir bei ihnen ganz besonders reichlich Gelegenheit funden, Digitalisblätter zu verordnen. Aber selbstverständlich bilden sie nicht etwa die einzige Krankheitsgruppe. welche den Gebrauch unserer Droge verlangt. Um zunächst noch bei den Krankheiten der Gebilde des Blutkreislaufes zu bleiben, auch bei Erkrankungen des Herzbeutels, der Kranzarterien, de,' Aorta, bei allen diesen besinnen wir uns keinen 7 No. 2. Donnerstag, den 12. Januar 1905. 31. Jahrgang. Heruntergeladen von: NYU. Urheberrechtlich geschützt.
doi:10.1055/s-0029-1187917 fatcat:xhzodj6a4fcyhdoiamwl4qbp24