"Neuanglodeutsch" Zur vermeintlichen Bedrohung des Deutschen durch das Englische

Peter Hohenhaus, Bradford
unpublished
Vor kurzem sind die Wellen einer über die letzten Jahre zunehmenden Sprachdiskussion in Deutschland besonders hoch geschlagen. Gefährdet die "Flut" von Anglizismen das Deutsche? Braucht es gar den Schutz durch ein Sprachgesetz? Dieser Artikel versucht zu zeigen, dass die Panik weitgehend unberechtigt ist. Ausgehend von einer näheren Betrachtung der Phänomene, die in einer der einflussreichsten Arbeiten der letzten Zeit auf diesem Gebiet, Zimmer (1997), eingehend diskutiert werden, wird gezeigt,
more » ... rden, wird gezeigt, dass nicht zutrifft, dass der "Tiefencode" des Deutschen in Gefahr wäre, durch den Einfluss des Englischen erodiert zu werden. Die wenigen grammatischen Integrationsprobleme bestehen auch ohne diesen Einfluss schon und richten keinen nennenswerten Schaden an. Ein Großteil der kritisierten Phänomene betrifft ohnehin nur das Sekundär-System der Schrift und/oder kaum für die Allgemeinsprache repräsentative Spezial-Register. Ansonsten sind zwar außer der tatsächlich häufigen direkten Entlehnung aus dem Englischen auch gewisse Bedeutungsverschiebungen im Lexikon des Deutschen zu verzeichnen. Insgesamt hält sich der Sprachwandel jedoch vergleichsweise in Grenzen. Und vor allem: Das Sprachsystem ist nach wie vor stabil, lebendig und weit davon entfernt zu einem Pidgin bzw. zu einer völlig anderen Sprache zu werden. Insofern ist entgegen den verbreiteten Sorgen momentan und für die überschaubare Zukunft keine Gefahr für den Fortbestand des Deutschen auszumachen. Die Diskussion um die "Lage des Deutschen" Seit einigen Jahren erlebt Deutschland eine zunehmende Debatte über die oft als "Flut" empfundene Zunahme von Anglizismen, sowie über die Frage, ob dies womöglich einer Bedrohung des Deutschen an sich gleichkomme. Nicht selten muten derartige Diskussionen, wie sie in der deutschen Medien-Öffentlichkeit geführt werden, geradezu panisch an. Man fragt sich, ob (und wenn wie) dies in der Öffentlichkeit im Ausland wahrgenommen wird. Gelegentlich finden sich auch in der britischen Presse Artikel hierzu (z.B. in The Guardian, The Editor 16. 02. 2001, S. 10, auch schon im Guardian vom 05. 02. 1998), doch ein wirklich großes Thema ist es außerhalb Deutschlands (verständlicherweise) nicht. Nach meiner Erfahrung ist es jedoch recht typisch, dass Englisch-Sprecher, die nach Deutschland kommen, verwundert sind über die allseitige Präsenz von (ursprünglich) englischen Wörtern. Zudem sind sie dann oft, gerade wenn sie selbst Deutsch als Fremdsprache beherrschen, intuitiv geneigt, einer "Neuanglodeutsch" Zur vermeintlichen Bedrohung des Deutschen durch das Englische © gfl-journal, no. 1/2001 61 ablehnenden Haltung gegenüber "diesen hässlichen Anglizismen" übereilt zuzustimmen. Insofern hat eine detailliertere, nüchterne Betrachtung des Themas gerade auch in einer britischen Zeitschrift für Deutsch als Fremdsprache seinen Platz. Evident ist, dass die Anglizismus-Debatte in Deutschland in jüngster Zeit deutlich sowohl an Schärfe als auch an Verbreitung in der Öffentlichkeit zugenommen hat. Als ein zwischenzeitlicher Gipfelpunkt muss die zuerst im Januar in der Berliner Zeitung erhobene Forderung des Berliner Innensenators Eckart Werthebach nach einem "Sprachschutzgesetz" gelten. Wenngleich diese Forderung sofort zu deutlicher Kritik von vielen Seiten geführt hat, auch in der Presse, so kann sie doch als ein Symptom realer Ängste gedeutet werden. 1 Das Medienecho zu diesem Thema, wie überhaupt zu den Anglizismen, ist derzeit kaum noch zu überschauen. 2 In praktisch sämtlichen Presseorganen, selbst in Talkshows und im Radio 3 kommt die neue "Fremdwortdebatte" zur Sprache. Oftmals handelt es sich bei den öffentlichen Unmutsbekundungen über die "Anglisierung" des Deutschen um linguistisch eher undifferenzierte Kommentare, nicht selten um offenen Purismus, oder um bloße ästhetische Beurteilungen. So einzuschätzen sind etwa die allseits zitierten Äußerungen des Bundestagspräsidenten Thierse über die "Verhunzung" des Deutschen, oder die des Bundespräsidenten Rau, der den Gebrauch von Amerikanismen als "dumm" und "albern" bezeichnet. 4 Die Zeitungen belassen es keineswegs nur beim Zitieren prominenter Stimmen, sondern schlagen mitunter auch selbst kräftig mit auf den Putz. Ein Paradebeispiel von grotesk überzogener Polemik findet sich z.B. in einem Artikel von Dieter Föhr in der Badischen Zeitung vom 03. 01. 2001, in dem u.a. von "gestammelte[m] Pidgindeutsch" die Rede ist, sowie von einem "hausgemachten Prozess der Selbstentmündigung", der nur noch "zerrüttetes Prothesen-Idiom" und somit "Sprachkrüppel" und "Halbalphabeten" zurücklasse. Gar so extrem ist der Tenor der Presse jedoch normalerweise nicht. 5 1 So interpretiert es letztlich auch der Direktor des IDS, Gerhard Stickel, in einem kritischen offenen Brief an Werthebach (siehe: www.ids-mannheim.de/aktuell/pr010129.html). 2 Die hier angegebenen Beispiele sind mehr oder weniger willkürlich herausgegriffen und ließen sich nahezu endlos ergänzen -man muss nur einmal den vielen Hinweisen ("links") auf der Internetseite des Vereins Deutsche Sprache nachgehen (unter: www.vds-ev.de). 3
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