Ueber die funktionelle Solidarität der beiden Herzhälften

F. Kraus, G. Nicolai
1908 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Die beiden Kammern einer-und die beiden Vorhöf e anderseits konstituieren zwei, bis zu einem gewissen Punkt von einander unabhängige physiologische Einheiten, welche besonders unter pathologischen Bedingungen eine weitgehende Dissociation erfahren können. Seitdem durch die vergleichend-kardiographischen Versuche von Chauveau und Marey im normalen Zustande ein scheinbar absoluter Synchronismus der Bewegungen in den homologen Abteilungen der beiden Herzen demonstriert war, ist auch die
more » ... auch die funktionelle Solidarität der beiden Herzhälf ten fast ohne Widerspruch von selten der Mehrheit der Physiologen und Kliniker geblieben. Allerdings haben seit langer Zeit einige Physiologen und Kliniker behauptet, daß diese Solidarität verloren gehen könne in gewissen pathologischen Störungen des Rhythmus, welche eine Herzhälfte allein affizieren. Zur Erklärung stellten sie die Hypothese der Hemisystolie auf. Mit jedem zweiten Herzschlag sollte sieh bloß der rechte Ventrikel, am ersten Herzschlag beide Kammern in gleicher Weise beteiligen. Demgegentiber vertrat bekanntlich eine zweite größere Reihe von Autoren die lvleinung, daß es sieh in einschlägigen klinischen Beobachtungen um unregelmäßige, früh z eitig einfallende, teilweise unvollständige Kontraktionen in Form des Bigeminus, jedoch mit gleicher Beteiligung beider Herzhälften handle: Hypothese der Herzbigeminio. Der Pulsus bigeminus wurde eine Zeitlang zur ausnahmslos geltenden Grundform des intermittierenden Pulses, inbegriffen auch der "wahren Intermittenz des Herzens (Pulsus deficiens' erhoben. Es liege nur am Herzstoß und den Venen einer-, am Arterienrohr anderseits, wenn die 1-Ierzbigeminie sich in ihnen verschieden ausdrückt. Wie aus dem Gesagten hervorgeht, besteht das Wesentlichste des Syndrome, von welchem bei uns die Controverse hauptsächlich ausgegangen, darin, daß trotz (relativ kurze Zeit oder länger dauernden) Vorhandenseins eines doppelten Venenpulses, trotz eines doppelten Spitzenstoßes nur mit der ersten Phase dieses Doppelsehlages eine Puiswelle im Arterienrohr erscheint, mit der zweiten nicht. Eine gewisse 1) Vortrag (Kraus) In der Silzulig de Vereins tSr Innere Medizin am 18. Novembet 1907. (Diskussion S. 43.) inNER ff1 RWAKUU R: PROF. D' J. SCM WALBE iI'1 wr pPJMPIssU15HIWeR5lIU IiIBERL1NWAM IARLSBAD»», -L -fl_ LAG: GEORG =1 h]. LEt PZJG RABENSTEIN PLATZ 2 1 Bedeutung besitzt auch die schon sehr früh graphisch festgestellte Tatsache, daß zur Zeit des fehlenden Arterienpulses Herzstoß und Venenpuls ebenso hohe (große) Kurven liefern (liefern können), wie im Falle des kräftigen Arterienpulses. Die Erscheinung des doppelten Herzstoßes Ist übrigens nicht in allen hierherbezogenen Fällen gleich auffällig gewesen. Die ältere einschlägige Kasuistik bezieht-sich hier vielfach mehr auf ein ahnornies Verhalten der Herztöne. S0 spricht Pressat (1837) in seinem Fall von »un défaut de simultaneité dans les battements du coeur Tout à fait à gauche, on n'entend que deux bruits, un sonore et l'autre sourd, on peut les rapporter au coeur gauche; tout à fait à droite et dans toute la region droite, deux bruits assez normaux que l'on peut rapporter au coeur droit. Enfin, entre ces deux regions, dans un lieu fort limité, qui correspondrait aux cloisons inter-ventriculaires et inter-auriculaires, on entend, l'un après l'autre, quatre bruits distincts, qui se succèdent rapidement, comme les coups de batteurs de plâtre, sans interruptions, tandis qu'à droite ou à gauche, on n'entend que deux bruits suivis d'un repos plus ou moins long' etc. Oharcelay (1838) spricht davon, daß on peut reconnaitre que les pulsations carotidiennes et jugulaires ne sont pius constamment synchrones: que ces pulsations et le premier bruit ne sont pins constamment simultanés; que le pouls veineux parait toujours à chaque premier bruit, tandis que le pouls artériel manque assez fréquemment, de telle sorte, que parfois le ventricule droit, puis le gauche, opérant isolément leur systole et leUr, diastole avec leur bruits concomitants, ceux-ci seraient portés au nombre de quatre bruits simples. Dans ce cas, le dédoublement des batf4ements et des bruits ventriculaires est complet, et il a lieu consécutivement à droite et à gauche; mais cela est peu ordinaire, et le plus souvent ce dédoublement n'est que partiel, c'est à dire qu'il n'existe que pour un seul ventricule, le ventricule pulmonaire, qui ainsi vient interposer sos battements particuliers entre les battements-simultanés de deux ventricules; rarement donc c'est lo ventricule gauche qui bat isolément' etc, Im letzteren Fall hat man nach Oharcelay: 10 premier bruit, avec pulsation jugulaire et carotidienne; 2° second bruit; 30 premier bruit avec pulsation earotidienne; 40 second bruit, puis contraction simultanée des deux ventricules . . -Charcelay notiert also nicht bloß das Fehlen des arteriellen Pulses trotz Vorhandenseins des venösen, sondern auch das umgekehrte Verhalten, wenn er auf das Vorkommen des gesonderten Schlagens der Ventrikel auch beim kranken Menschen schließt, Bozzolo (1876), Schreiber (1877) und Riegel (1879, 1880), welche hier zuerst die seit T r au b e als Pulsus bigeminus bekannte Anomalie in der Herzarbeit, bzw. am Pulse zur Erklärung heranzogen, faßten ausschließlich, die Verdoppelung des Herzstoßes imd des Venenpidses ins Auge. D op p el tone waren es ferner, welche Ch. Williams und Skoda dazu führten, eine un-No. 1. Berlin, den 2. Januar 1908. Jahrgang. Dieses Dokument wurde zum persönlichen Gebrauch heruntergeladen. Vervielfältigung nur mit Zustimmung des Verlages.
doi:10.1055/s-0028-1143448 fatcat:qxdovyi5zjeodbc2mt65tdqbzm