Literaturbericht

1890 Historische Zeitschrift  
Literaturbericht. I s t eine Philosophie der Geschichte wissenschaftlich erforderlich bzw. mög lich? Erörtert von Karl Fischer. Dillenburg, C. Seel. 1889. Kurze Zeit vor dem Erscheinen der obigen Program m abhand lung hat ihr Verfasser ein Werk "Biblische Psychologie, Biologie und Pädagogik" herausgegeben, in dem er diese bisher rein "welt wissenschaftlich" behandelten Wissenschaften resp. Disziplinen auf eine feste biblische Grundlage zu stellen unternimmt. Die Überzeugung von der
more » ... on der Nothwendigkeit dieses Fundamentes für alle tiefere wissen schaftliche Forschung ist es, welche auch die Veranlassung zur E n t stehung der vorliegenden Schrift gebildet hat. Die beiden ersten Abschnitte, die das Wesen der Geschichtswissenschaft und Geschichts philosophie behandeln und zum größten Theil aus Wegele's Geschichte der Historiographie und Rocholl's Philosophie der Geschichte aus geschrieben sind, möchten selber wohl auf wissenschaftliche Beachtung kaum Anspruch erheben wollen. Anders dagegen beim 3. Ka pitel, in dem der Verfasser fast ganz sich selbst gibt. I h m ist nicht entgangen, daß es die nothwendige Aufgabe jeder Philosophie der Geschichte ist, an der Lösung jener letzten Fragen mitzuarbeiten, die der Mensch an W elt und Leben richtet. Allein während die bis herige Wissenschaft an der Ueberzeugung festhalten zu müssen glaubte, daß auch diese letzten Fragen von Seiten des Intellekts nicht anders als auf erfahrungswissenschaftlichem Wege zu beantworten seien, ver sichert Fischer, daß dieses erfahrungswissenschaftliche Forschungsprincip eine allzuschwankende und deshalb unbrauchbare G rundlage sei. Aber unser A utor ist kehl Geist, der blos verneint; er will überhaupt nicht zerstören, er will aufbauen. " E s gibt nach meiner M einung", er klärt er zu diesem Zwecke (S . 43), "keine andere G ru n d lag e, auch Brought to you by | Université Paris Ouest Nanterre La Défense Authenticated Download Date | 3/16/17 5:57 PM keine psychologische, als die Offenbarungsthatsachen, die besser be glaubigt sind als viele andere Vorgänge, welche für geschichtliche Thatsachen gelten. Je n e Thatsachen können aber n u r, wie die historische Wissenschaft dies immer verlangen m uß, aus der Quelle selbst, dem W orte G ottes, entnommen werden. F ü r die Philosophie der Geschichte kann also kein anderer Boden gefunden werden, als der biblische R ealism us". D ies biblisch-realistische Forschungsprindp im Gegensatz gegen den herrschenden weltwissenschaftlichen R ealism us ist es, das Vf. als neues wissenschaftliches Evangelium zu predigen nicht müde wird. -Wer sich nfit der M ehrzahl der Vertreter heutiger Wissenschaft zu der Auffassung Kantes bekennt, daß Wissen und Glauben beide ihr eigenes, nicht in einander übergreifendes Herrschaftsgebiet haben, wird diesen wiederaustauchenden Versuch der Verquickung beider zurückweisen müssen. P. H in n eb erg . Kleine Schriften zur Geschichte und Kultur. Von Ferdinand Gregorovius. I. II. Leipzig, Brockhaus. 1887. 1888. Eine Vereinigung von seit 1870 entstandenen und zum Theil in derselben, zum Theil in etwas anderer Form schon veröffentlichten Aufsätzen, von denen einzelne a u fs neue von dem quellen-und akten durchforschenden Fachmanne Zeugnis ablegen, andere wiederum von dem mit schöner Lebhaftigkeit empfangenden und empfindenden und dabei gründlichst belesenen Landfahrer Gregorovius herrühren, der das Gesehene zu durchgeistigter, belehrender und höchst unmuthiger Schilderung gestaltet. D er B eitrag "H at Alarich die N ationalgötter Griechenlands zerstört?" -wie der Titel in fragender Verwandlung einer mystischen Behauptung Fallm erayer's lautet -ist eine auf G rundlage der Quellen mit Fug unternommene und sehr beachtenswerthe Ehrenrettung der Gothen, während die Ergebnisse einer Un tersuchung über "die M ünzen A lberichs", des S en ato rs und P rinceps von Rom, den Nachrichten L iutprand's und Benedictas ergänzend an die S eite treten. D er Aufsatz "M irabilien der S ta d t Athen" geht dem spätmittelalterlichen Wissen über die antiken Bauwerke der S ta d t nach; in die Topographie R om s dagegen, zur Zeit der Frührcnaissance, führte eine lediglich aus M iniaturen des Leonardo da Besozzo be stehende Weltchronik vermittelst einer darin befindlichen Ansicht der ewigen S ta d t, deren Vorlage zwischen 1348 und 1442, möglicher weise 1410, entstanden ist und die somit einen wichtigen Nachtrag zu De Rosses A tlas bildet. I n des B aiern "Gumppenberg's Be-Brought to you by | Université Paris Ouest Nanterre La Défense Authenticated Download Date | 3/16/17 5:57 PM Ed. Heyck. Brought to you by | Université Paris Ouest Nanterre La Défense Authenticated Download Date | 3/16/17 5:57 PM Manuel d 'histoire, de gdnöalogie et de Chronologie de tous les ötata du globe depuis les tem ps les plus reculös jusqu'ä nos jours. P ar A. M. H, J. Stockvis« I. Asie, A frique, Am^rique, Polynösie. II. Les tita ts de l'Europe et leurs colonies. L eide, E. J. Brill. 1888. 1689. Der Vf. beabsichtigt, eine Übersicht zu geben der Regenten sämmtlicher Staaten der Erde von den ältesten Zeiten bis jetzt, eine Übersicht, die genealogisch und chronologisch dem Standpunkt der Wissenschaft in unseren Tagen entsprechen und de Courcelles' Werk, P art de verifier les dates, welches abgesehen von seiner Unvollständigkeit in vieler Hinsicht nicht mehr brauchbar sei, ergänzen und ersetzen soll. Eine chronologische Tafel, die 16 verschiedene Aeren neben einander von 776 v. Chr. bis 1900 n. Chr. durchführt, bildet die Einleitung des Werkes. Bei der Behandlung der einzelnen Staaten ist im wesentlichen die chronologische Ordnung beobachtet; Asien beginnt mit Babylonien, Afrika mit Ägypten. Jedem Kapitel ist eine bald kürzere bald längere geschichtliche Übersicht vorausge schickt, die das Interesse an der ungeheuren Masse von Namen und Zahlen möglichst beleben und zum Verständnis beitragen soll; auch werden die Reihen und Tafeln an geeigneten Stellen von Erläute rungen unterbrochen. M an findet aber nicht nur die Namen von Regenten verzeichnet, auch sämmtliche Statthalter, Gouverneure und Residenten europäischer Mächte in ihren Kolonien sind vollständig aufgeführt. Von europäischen Ländern sind in der bis jetzt ver öffentlichten ersten Abtheilung Portugal, Spanien, Frankreich, Groß britannien und Irla n d abgeschlossen. Den meisten Raum unter ihnen beansprucht Frankreich (S . 38-194), da hier die genealogischen Listen sämmtlicher P airs aufgenommen sind. Bisweilen wäre eine noch größere Ausführlichkeit doch wünschenswerth gewesen: im Stam m baum der Bonaparte fehlen die Fesch, in dem der Beauharnais Stephanie von Baden. Es ist naturgemäß für einen Einzelnen un möglich, die überwältigende Fülle der Listen und Tafeln auf ihre Genauigkeit zu prüfen, aber die wenigen, welche Ref. zu kontrolliren Gelegenheit fand, erwiesen sich durchgehends als richtig und zuver lässig. M an darf nicht vergessen, eine wie zähe Ausdauer und hin gebende Geduld lange Jah re hindurch unerläßlich sind, um ein Werk, wie es der Vf. geliefert hat, zu Stande zu bringen. Außer dem unermüdlichen Fleiß, den der Vf. aufgewendet hat, um den Stoff zu bewältigen, verdient auch die Anordnung, welche Übersichtlichkeit mit Brought to you by | Université Paris Ouest Nanterre La Défense Authenticated Download Date | 3/16/17 5:57 PM Kürze und Klarheit verbindet, volle Anerkennung. M it der Vollendung des Werkes, welche hoffentlich in nicht all zu langer Zeit bevorsteht, wird die historische Wissenschaft um ein sehr nützliches Nachschlagebuch bereichert sein. W ilh elm B e rn h a rd i. Einleitung in die Chronologie oder Zeitrechnung verschiedener Völker und Zeilen nebst christlichem und jüdischem Festkalender. Von B . M. Lersch. Aachen, R. Barth. 1889. I n 40 P aragraphen behandelt der Vf. die wichtigsten E r scheinungen auf dem Gebiet der Chronologie sowohl in astronomischer wie historischer Beziehung. Die Erörterungen sind klar und bündig, ungenau ist aber die Art, andere Schriftsteller zu eitiren; wenn er z. B. S . 32 B r. und S . 35 B. als Quelle anführt, weiß man nicht, ob Brinkmeier oder Brockmann gemeint ist, da ein T itel der Schrift nicht angegeben wird. Besondere S o rg falt hat der Vf. darauf verwendet, an Beispielen die Methoden zu zeigen, wie man D aten der verschiedenen Aeren auf unseren Kalender zurückführen könne. Eine neue von ihm erdachte A rt, die Neumondskalender auf 19 J a h r hunderte zu berechnen, findet sich S . 50 f. Auch gibt er eine An weisung zur Berechnung der M ondphasen nach zwei Methoden. Ü berhaupt ist das Buch sehr reich an Berechnungs-Schematen. F ü r den praktischen Gebrauch ist es aber bei weitem weniger geeignet als Grotefend's Historische Chronologie, deren so nützliche Tafeln ihm fehlen. W ilh elm B e rn h ard i. Der bürgerliche Tag. Untersuchungen über den Beginn des Kalender tages im klassischen Alterthum und im christlichen M ittelalter. Von Gustav Bilfinger. S tuttgart, Kohlhammer. 1888. Die antiken Stundenangaben. Bon Gustav Bilfinger. S tu ttg art, Kohl hammer. 1888. Die erste der beiden genannten Schriften führt den Nachweis, daß die auf V arro zurückgehenden Angaben der Alten, denen zufolge in Athen der Tag von Abend zu Abend gerechnet w urde, unrichtig seien, daß vielmehr nicht nur die Athener sondern überhaupt die Griechen, ferner auch die Röm er, soweit nicht auf sakrale und ju ristische Dinge bezügliche Angaben vorliegen, den T ag vom M orgen zum M orgen gerechnet haben. Die abendliche Epoche betrachtet Bilfinger als eine jüdisch-christliche Errungenschaft und schließt mit dem Nachweis, daß der lateinische Westen im M ittelalter neben Brought to you by | Université Paris Ouest Nanterre La Défense Authenticated Download Date | 3/16/17 5:57 PM Historische Zeitschrift N. F. Bd. XXVIII. g Brought to you by | Université Paris Ouest Nanterre La Défense Authenticated Download Date | 3/16/17 5:57 PM Brought to you by | Université Paris Ouest Nanterre La Défense Authenticated Download Date | 3/16/17 5:57 PM Fr. v. d. Wengen. Kulturhistorischer Bilderallas. I. Alterthum. Bearbeitet von Theodor Schreiber. Zweite für den Schulgebrauch eingerichtete Auflage. (Zehn Liefe rungen.) Textbuch zu Theodor Schreiber's Kulturhistorischem Bilderatlas des klassischen Alterthums von K. B. Leipzig, Verlag des Liter. Jahres berichts (A. Seemann). 1888. D er kulturhistorische B ilderatlas hat raschen Absatz gefunden, und wird hier bereits in einer zweiten, dem Schulgebrauch angepaßten Auflage vorgeführt. Ob hiefür wirklich ein B edürfnis vorgelegen hat, läßt sich schwer entscheiden; immerhin ist die Bestimmung der neuen Ausgabe erreicht w orden, ohne daß die Cliches, insbesondere 8 * Brought to you by | Université Paris Ouest Nanterre La Défense Authenticated Download Date | 3/16/17 5:57 PM die der Bühnenalterthümer zu sehr darunter gelitten hätten. -Dabei mag eine Bemerkung Platz finden, von der vielleicht bei einer künf tigen Auflage Gebrauch gemacht werden kann.. Für den Abschnitt "Städtebau", Tafel X L V H I-L I, dürfte es sich empfehlen, künftig prägnantere Beispiele auszuwählen. Wohl hat Schreiber sein M a terial reichhaltiger zusammengesetzt, als die beiden hierauf bezüglichen Abschnitte in Baumeisters Denkmälern des klassischen Alterthums; er gibt wenigstens zwei der Thoranlagen aus Heuzey's Akarnanien, die dort vergeblich gesucht werden, gleichwohl bieten auch seine Tafeln doch nur ein recht dürftiges Bild der antiken Befestigungskunst. Die Publikationen über Ausgrabungen auf Samothrake, die beiden öster reichischen Reisewerke aus Kleinasien, endlich Photographien aus Griechenland könnten heute mit Leichtigkeit herangezogen werden. R. W eil. Griechische Geschichte. Von Ernst CurtiuS. III. Sechste verbesserte Auf lage. Berlin, Weidmann. 1889. Von der Herrschaft der Dreißig bis zur Eroberung Griechen lands durch Philipp von Makedonien reicht dieser Band, welcher nebst einem Register und einer Zeittafel zu dem ganzen Werke eine von Kaupert's Hand herrührende Karte enthält, die zur Erläuterung, der Makedonien betreffenden Abschnitte des Buches dient. D as Ver hältnis des Textes sowohl als der Anmerkungen zu den vorher gehenden Auflagen ist das gleiche wie in den beiden ersten Bänden, und früher bereits (23, 528 f., 25, 464) durch einige Beispiele ge kennzeichnet. A dolf Bauer. Griechische Kriegsalterthümer. Von Hans Droysen. Erste Hälfte. Frei burg i. Br., Mohr. 1888. (A. u. d. T . : K. F. Hermanns Lehrbuch der griechischen Antiquitäten, neu herausgegeben von Blümner und Dittenberger. 2. Bd., 2. Abth., erste Hälfte.) B is auf die letzten Jahre lag als zusammenfassende Darstellung des Heerwesens und der Kriegführung bei den Griechen lediglich die 1852 erschienene "Geschichte des griechischen Kriegswesens" von Rüstow und Köchly vor, welche für alle seitdem angestellten For schungen die Grundlage geblieben ist. Da jedoch dieses Werk sich auf den Krieg zu Lande bis zur Zeit des Pyrrhos beschränkte und nicht selten eine kritische Sichtung des Materials vermissen ließ, so war eine umfassendere und zugleich auf methodischer Verwerthung Brought to you by | Université Paris Ouest Nanterre La Défense
doi:10.1524/hzhz.1890.64.jg.108 fatcat:xggyychl75d2tjkptblggwyeai