In memoriam Julius Lippert

Ferdinand Seibt
2016
Vor einem halben Jahrhundert, am 12. November 1909, vollendete in Prag Julius Lippert seinen Lebensweg, der es wert ist, ins Stammbuch der Deutschen aus Böhmen und Mähren geschrieben zu werden, vorausgesetzt, man mißt einem solchen Stammbuch überhaupt noch Bedeutung zu. Lipperts Jugend in Braunau in Nordböhmen war bedrückt durch den Niedergang des schlesischen und böhmischen Tuchmachergewerbes. Noch der alte Mann erinnerte sich, daß ihn die Sorge um das tägliche Brot seither sein, Leben lang in
more » ... sein, Leben lang in Gedanken begleitete. Er starb nicht in Armut. Er war vielmehr zu den höchsten Ehren aufgestiegen, welche die alte Monarchie einem Bürgersohn vergeben konnte: Er war Landtags-und Reichsratsabgeordneter gewesen und stellvertretender Oberstlandmarschall im Königreich Böhmen. Aber dazwischen liegt ein Leben, das man mit allem Pathos als reich an Entbehrungen, an Enttäuschungen, an Arbeit und Erfolgen bezeichnen könnte. Dabei besaß der schmächtige Tuchmachersohn aus Braunau nicht nur die Zähigkeit, sondern auch die Begabung, bei allen unerwarteten Wendungen seines Lebensweges immer wieder ein besseres Los zu wählen. Das macht, daß er sich nicht am äußeren Erfolg messen lassen wollte, sondern immer nur seinen eigenen Absichten nachging, immer auf neue Erkenntnisse und bald auch auf ihre Darstellung ausgerichtet, deswegen immer auf dem Wege, immer im inneren Fortschritt.
doi:10.18447/boz-1969-2970 fatcat:wgbf5kyh2ra7jg6yqsw3vkxyvu