Münsteraner Wiedertäufer Revivals, Teil 2. Eine Antwort auf Armin Scholl

Elisabeth Klaus, Margret Lünenborg
2000 Medien & Kommunikationswissenschaft  
Mit einer scharfen Polemik hat Walter Mahle im Juli 1993 auf den Anspruch der Münsteraner Forschungsgruppe JouriD reagiert, erstmals eine repräsentative Gesamterhebung der JournalistInnnen in Deutschland vorgelegt und mit der Systemtheorie zugleich neue Forschungsperspektiven eröffnet zu haben. Unter der Überschrift "Münsteraner Wiedertäufer Revivals -Countdown zum Start der deutschen Kommunikatorforschung" warf er der Forschungsgruppe eine Generalabrechnung mit der Kommunikatorforschung vor,
more » ... e deren bisherige Ergebnisse gänzlich ignoriere: "Denn, so klärt uns Münster auf, wir Altkommunikatorforscher haben schlechte oder die falschen Fragen gestellt, halbschräge Hypothesen, wenn überhaupt welche, zugrunde gelegt, problematische Stichproben gezogen ..." (Mahle 1993: 95). Beim Lesen von Armin Scholls Replik auf unseren Aufsatz "Der Wandel des Medienangebots als Herausforderung an die Journalismusforschung: Plädoyer für eine kulturorientierte Annäherung" gibt es demzufolge einige Déjà-vu-Erlebnisse, nur dass aus dem einst polemisch Gescholtenen nun der Polemiker geworden ist. Hätten wir tatsächlich der Journalismusforschung vorgeworfen "die falschen Fragen gestellt, die falsche Theorie zugrunde gelegt und die falschen Methoden" angewandt, kurz: "alles falsch gemacht" zu haben, wie Scholl unterstellt, wäre ein solcher Rundumschlag möglicherweise gerechtfertigt. Dann wäre vielleicht auch der Anspruch legitim, die Veröffentlichungen von Siegfried J. Schmidt in Gänze zu zitieren und viele andere wertvolle Beiträge zur Journalismusforschung, die Scholl im Übrigen höchst selektiv nennt, ebenfalls zu erwähnen. Haben wir aber nicht! Basierte doch eine solche Kritik auf der Annahme, es gäbe die richtige Theorie, mit der man die richtigen Fragen mittels der richtigen Methoden bearbeiten könnte. Solcher Art Omnipotenzanspruch halten wir nicht für seriöse Wissenschaft. Wir gehen vielmehr davon aus, dass verschiedene Theorien unterschiedliche Perspektivierungen vornehmen und damit jeweils andere Facetten der sozialen Wirklichkeit erfassen und mehr oder weniger erfolgreich erklären. Aktuelle Veröffentlichungen machen deutlich, dass sprachwissenschaftliche, kulturwissenschaftliche und unterschiedliche sozialwissenschaftliche Ansätze jeweils wertvolle Beiträge zur Journalismusforschung leisten (vgl. Löffelholz 2000). Die derzeitige Entwicklung des Journalismus wirft unserer Überzeugung nach Fragen auf, denen die bislang vorwiegend diskutierten theoretischen Konzepte nicht in ausreichendem Maße gerecht werden. Für die Bearbeitung dieser Fragen ist es erforderlich, dass • Unterhaltung als konstitutive Funktion des Journalismus anerkannt wird (damit haben wir im Übrigen nicht behauptet, mittels Unterhaltung allein könne journalistische Produktion von anderer Medienproduktion getrennt werden, wie Scholl zu lesen glaubt); • dem Publikum eine eigenständige Relevanz in der Journalismusforschung zuerkannt wird, weil dieses die Bedeutung journalistischer Angebote festlegt und damit langfristig auch journalistische Aussagenentstehung beeinflusst; • journalistisches Handeln im Rahmen gesellschaftlicher Macht und der diese ständig (re-)produzierenden Diskurse verortet wird. In diesem Zusammenhang haben wir darauf verwiesen, dass die derzeit in der Jour-413 https://doi.
doi:10.5771/1615-634x-2000--413 fatcat:yln77x2qv5fpvdd4w6yllzh5ju