Erwiderung auf Fethi Meskini [chapter]

Dirk Stederoth
2020 Toleranz in transkultureller Perspektive  
Der Text von Fethi Meskini arbeitet mit Bezug auf einen mittelalterlich-islamischen Rechtsdiskurs (vertreten durch Ibn Qayyim al-Ǧawziyya) einen Toleranzbegriff heraus, der nach Kenntnis des Autors in der mitteleuropäischen Tradition bisher nicht zum Bewusstsein gekommen ist. Die Entstehung dieser Form von Toleranz, die Meskini im Verbund mit der »Ḏimmī-Existenz« darlegt, steht im Zusammenhang mit expansiven Tendenzen der Kalifen und der Eroberung nicht-muslimischer Völker, wodurch das Problem
more » ... odurch das Problem entstand, Nicht-Muslime in die politisch-religiöse Einheit eines islamischen Staates zu integrieren. Da es aufgrund dieser politisch-religiösen Einheit keinen Bürger-Begriff und eine entsprechende rechtliche Sicherung geben konnte, bedurfte es also einer anderen Form der Existenzsicherung von Nicht-Muslimen, ohne sie zum Übertritt zum Islam zu zwingen, was vermutlich zu größeren politischen Unruhen geführt hätte. In diesem politisch-pragmatischen Kontext entsteht somit ein Begriff bzw. eine Praxis der Toleranz gegenüber den »ḏimmīs«, also den Nicht-Muslimen innerhalb eines islamischen Staates, die sich Meskini folgend durch mehrere Aspekte kennzeichnen lässt: Diese Toleranz impliziert keineswegs die normative Akzeptanz anderer religiöser Praktiken und ist entsprechend auch nicht selbst normativ gegründet, während es für den Tolerierten umgekehrt auch keinen Zwang zur Rechtfertigung seiner Gesinnung gibt, wobei allerdings einer Willkür hier insofern vorgebeugt ist, dass sich die Gesinnungen und Praktiken innerhalb einer traditional-kohärenten Wertsphäre begründen müssen. Es handelt sich bei dieser »Ḏimmī-Existenz« also mehr um einen »Schutzpakt«, den beide Parteien als Partner anerkennen müssen und innerhalb dessen dem »ḏimmī« die Gewissens-bzw. »Gesinnungs«-Freiheit gewährt und eine quasi-nachbarliche Sorge zuteil wird (die Steuerabgabe, die er leisten muss, sofern er es kann, sei hier einmal vernachlässigt). Zunächst einmal scheint dieser Toleranzbergriff eine Lösung des Problems einer Existenzweise von Nicht-Muslimen unter den Bedingungen der Scharia bzw. des Widerspruchs zwischen einer universalen Toleranzforderung und der Scharia nahezulegen. Fraglich bleibt jedoch für den Autor, ob dieses Toleranzkonzept selbst trägt, oder lediglich aus und für einen spezifischen situativen Kontext einschlägig ist, wobei sich dann die Frage ergeben würde, inwieweit dieser Kontext auf unsere oder eine zukünftige Gegenwart übertragbar ist. Vor diesem Hintergrund seien die Aspekte dieses Toleranzkonzeptes kurz noch etwas genauer untersucht.
doi:10.5771/9783748911845-188 fatcat:fqgybgmcxjhvdih5jg7jtk56tm