Das Ende der Völkerwanderungszeit in Böhmen und die Herkunftsfrage der Baiern. Ein kritischer Überblick des derzeitigen Forschungsstandes

Ernst Schwarz
2016
Der Titel des kritischen Referates deutet an, daß zwischen den beiden Ereignissen, dem Ende der Völkerwanderungszeit in Böhmen und der Herkunftsfrage der Baiern, Verbindungen hergestellt werden, was keineswegs neu ist, da es schon von Zeuß 1839 versucht wurde 1 . Die Bildung des bairischen Stammes und seine Niederlassung in Rätien und Norikum liegt relativ spät, in Betracht wird die Zeit vom Ende des 5. Jahrhunderts bis zur Mitte des 6. gezogen, aber die Quellen dieser Zeit sind gering und
more » ... ind gering und schweigen darüber. Deshalb hat dieses Problem immer wieder die Forschung angezogen und die Bemühungen, diese Lücke unseres Wissens zu schließen, reißen nicht ab. Es ist nicht die Absicht dieses Aufsatzes, eine Übersicht darüber von Anfang an zu geben, das ist von anderer Seite bereits geschehen 2 . Wohl aber soll die in den letzten Jahren erschienene Literatur kritisch gemustert werden. Bei der Kargheit der historischen Quellen richtet sich die Aufmerksamkeit vor allem auf die archäologische Frühgeschichte und hier auf die spätesten germanischen Gräber des 6. Jahrhunderts in Böhmen, womit die Forschung auf die Fragestellung von Zeuß zurückkehrt, der zu seiner Zeit allerdings noch nicht daran denken konnte, daß sich die Hoffnungen auf einen Forschungszweig richten, der damals erst schüchtern die ersten Versuche und Beobachtungen machte. Aber es ist klar: sind die Anfänge des Baiernstammes mit den letzten germanischen Bewohnern Böhmens verknüpft, erwartet man, daß den letzten Gräbern in Böhmen die ersten in Bayern entsprechen. Wie richtig diese Erwartung ist, zeigt ein Vergleich der langobardischen Grabfelder in Pannonien und Oberitalien, die sich in der Tat entsprechen, wie noch zu betonen sein wird. Tatsächlich hat die prähistorische Forschung nun soviele Fortschritte gemacht, daß sie sich an diese Probleme heranwagt. Wir verdanken ihr viele neue Einblicke in eine von den Quellen zu wenig aufgehellte Zeit. Daß bei weitem noch nicht alle Fragen gelöst sind, wird sich zeigen, ebenso folgt daraus, daß noch viele Bemühungen notwendig sind, Unklarheiten und Lücken auszuräumen. 8 . Es ist gewiß methodisch richtig, wenn sich ein Prähistoriker zunächst auf seinen Stoff beschränkt. Es ist aber ebenso einleuchtend, daß sich die Leser die Frage stellen, zu welchem Volk und Stamm die Leute gehören, deren Hinterlassenschaft im Boden die Forschung Aufmerksamkeit schenkt, besonders wenn es sich um eine Zeit des frühen Mittelalters, das 6. Jahrhundert, handelt, und um eine so wichtige Frage, wohin diese Leute gekommen sind, die seit der Mitte dieses Jahrhunderts aus dem Lande verschwinden. Diese beiden Schriften, die die Ergebnisse prähisto rischer Forschungen der jüngsten Zeit darbieten, sollen hier kritisch bespro chen werden. Die Einwanderung der Langobarden in Italien und die Niederlassung der Avaren in Ungarn 568 sind geschichtlich wichtige Ereignisse. In der Flut der Völker, die in Ungarn und Italien auftreten, wird nicht nur eine feste Jahreszahl gewonnen, sondern auch ein fester Punkt für die Geschichtsfor schung, weniger für das Aufhören langobardischer Funde in Pannonien, wo es Nachzügler gegeben haben kann, mehr für die ersten langobardischen in Italien und die ersten avarischen in Ungarn. In Italien müssen die lango bardischen Funde von den ostgotischen unterschieden werden, denn zwischen dem Untergang des ostgotischen Reiches in Italien 552 (letzte Ereignisse 555) und dem Auftreten der Langobarden liegen nur 16, in Ungarn zwischen dem Abtreten der Hunnen (454) und der Niederlassung der Avaren, die beide Nomadenvölker sind, immerhin über 100 Jahre. Von den Langobarden sind Reihengräberfunde aus Ober-und Mittelitalien in großer Zahl bekannt. Daß es sich hier wirklich um eine richtige Wanderung eines Volkes mit Weibern, Kindern und Hausrat handelt, ist nicht zu bezweifeln, was hier deshalb be tont werden muß, weil heute bisweilen die Neigung besteht, statt der Volks wanderung von einer allmählichen Ausdehnung eines Volkes zu sprechen 9 . Die einheimische Bevölkerung in Italien hat ihre Toten im allgemeinen ohne Beigaben bestattet, die Gräber der germanischen Einwanderer dagegen bieten Waffen, Trachtenzubehör, Tongefäße, Schmuck usw. Die Übereinstimmun gen mit den Gräbern in Pannonien sind deutlich 10 . Durch die zahlreichen Münzbeigaben und absoluten Datumfundstücke können die langobardischen Funde des späten 6. und des 7. Jahrhunderts von der ostgotischen Hinter lassenschaft abgesondert werden. Der aus Italien kommende langobardische Einfluß ist nicht nur in Süddeutschland zu merken, sondern auch bis nach England und Skandinavien spürbar. Sehr bedeutsam ist Werners Beobach tung, daß die Hinterlassenschaft der Langobarden, Bajuwaren, Thüringer, Alemannen, Franken zu einem gemeinsamen "merovingischen" Zivilisations kreis gehört, von dem sich das Fundgut der Ostgoten in Italien, der spani-" Svoboda, Bedřich: Čechy v době stěhování národů [Böhmen in der Völkerwan derungszeit]. Mon. Archaeologica 13 (1965). Mit ausführlichem deutschen Résumé S. 309-358.
doi:10.18447/boz-1967-2087 fatcat:3o7whhlneva2fkntm46tga4liq