Zur Enstehungsgeschichte der Meßerklärung Alberts des Großen : Michael Schmaus zum sechzigsten Geburtstag gewidmet

Adolf Kolping
2014
p i n g, Münster i. W. I. Bei der Diskussion 1 ) über die albertinische Herkunft des Doppeltraktates "Is. LVI dick dominus: Ecce ego declinabo" hat man bislang das literarische Verhältnis der beiden Traktate zu einander noch nicht ins Gespräch gebracht. Einer x ) A. Fries CssR, Meßerklärung und Kommuniontraktat keine Werke Alberts des Großen ? in: FrZPhTh II (1955), 28-67 (zit. Fries), bezweifelt die albertinische Abfassung. Für Albert als Verfasser sprechen sich aus Fr. Pelster SJ, Zwei
more » ... ter SJ, Zwei Untersuchungen über die literarischen Grundlagen für die Darstellung einer Mariologie Alberts des Großen, in: Schol 30 (1955), 388-402, und besonders, nachdem A. K o 1 p i n g, Die Drucke der Albert dem Großen zugeschriebenen Meßerklärung, in: FrZPhTh II (1955), 197 f. Anm. 2 (zit. Kolping die Drucke) vom Handschriftlichen her scheinbare Divergenzen zwischen Albert und Meßerklärung ausgeräumt hatte, Hans J o r i s s e n, Meßerklärung und Kommuniontraktat -Werke Alberts des Großen, in: ZkTh 78 (1956), 41-97 (zit. Jorissen ). Jorissen hat eine Überfülle von Material zusammengetragen, das einerseits die auch von A. Fries nicht geleugneten Zusammenhänge mit dem echten Schrifttum Alberts in noch helleres Licht stellt, anderseits aber auch für die Divergenzen, die aufzutreten scheinen, plausible Erklärungen zu geben vermag. Bisher hat sich A. Fries leider noch nicht mit den Argumenten Jorissens in der gleichen Ausführlichkeit auseinandergesetzt, wie dieser es mit den seinen getan hatte. Die Anmerkungen, die A. Fries, Zum Traktat Alberts des Großen "De Natura Boni", in: Festschrift M. Schmaus (München 1957), 237-254, Anm. 29 und 30, zu der Behandlung der drei oder vier Titel für Maria durch Jorissen gemacht hat, sind kein Ersatz für eine Replik auf Jorissens mit aufwendigem Fleiß und wissenschaftlicher Logik vorgelegte Untersuchung. Ernsthafter Diskussion bedürftig sind m. E. die Frage nach der Stellung Alberts zur rememorativen Meßallegorese (Fries S. 56), die der Verfasser des Doppeltraktates bekanntlich scharf ablehnt, und die Frage nach der Daseinsweise der Species-Accidentien (Fries S. 44 ff). Zur ersten Frage können wir hier etwas beitragen, zur zweiten vgl. Jorissen S. 68 ff. Wenn Albert in dem unserem Doppeltraktat zeitlich am nächsten stehenden Super Johannem (Borgnet 24, 281 b) noch die Erhöhung der Qualitas, der Grundlage der übrigen Accidentien, in den Stand einer Substanz vertritt, gegenüber der neuen These im Doppeltraktat, wo die Accidentien eine Art intentionaler Gegenwart haben (esse ... simile isti esse, quod habet in medio et ei quod habet in sensu, vgl. Jorissen S. 69 Anm. 100), dann hat "Albert gegenüber dem Scriptum (und noch gegenüber dem nahen Sup. Joh.) in der Frage der Akzidentien seine Meinung geändert" (Jorissen S. 69). Vielleicht stellt aber ein tieferes Eindringen in die literargeschichtlichen Zusammenhänge unseres Doppeltraktates eine so "kurzfristige Meinungsänderung als nicht so unwahrscheinlich hin, wie es zunächst scheinen möchte". 2 Adolf Kolping aufmerksam vergleichenden Lektüre beider Teile 2 ), der Meßerklärung (sM) und des systematischen Traktates, der Summa de corpore domini (CD), legt sich die Vermutung nahe, daß CDfrüherals sM geschrieben war. Hierfür gibt es folgende Gründe. So finden sich z. B. keine Verweise in CD auf sM 3 ). Das fällt besonders dort auf, wo in CD zur Sprache kommt, was schon in sM behandelt worden ist. Dazu gehören so spezifische Fragen wie die nach dem Sinn der Fractio panis und des Ite missa est 4 ). In gleicher Weise finden wir bei der Frage der Konsekrationsform 5 ) und zumal der die Konsekration umgebenden Meßtexte 6 ) in CD keine Bezugnahme auf sM. Dies ist um so erstaunlicher, als doch eine Rückerinnerung leichter sein mochte, denn eine planende Vorerinnerung. Wohl begegnen uns in der Meßerklärung Hinweise auf das, was den Leser in CD noch erwartet, zum ersten Male nach der Konsekration 7 ) und dann noch häufiger später 8 ). ) Die Zitation erfolgt unter Stellenangabe der Seite in der Ausgabe von A. Borgnet Bd. 38 (zit. Bo), doch unter Berücksichtigung des aus den Hss hergestellten kritischen Textes. Weicht dieser von dem Text bei Bo ab, so wird zitiert (Bo text). Zur hs-lichen Überlieferung vgl. A. K o 1 p i n g, Die Drucke; derselbe, Eine Abbreviation der Albert dem Großen zugeschriebenen Meßerklärung, in: Schol 31 (1956), 70-84 (zit. Kolping, Abbrev.). Eine literarkritische Vergleichung ist gar nicht zuverlässig möglich, ohne auf den kritisch gesicherten Text zurückzugehen. Dieser lag in wesentlichen Teilen H. Jorissen im Unterschied von A. Fries vor. So ist auch die von A. Fries (S. 46 A 4 und S. 64) herangezogene Notiz aus der Chronik des Martin von Troppau über Ignatius von Antiochien (Bo 139 a) aus der Diskussion auszuschalten, da sie (wohl durch die Kölner Albertisten) erst 1477 in dem zweiten Druck (Joh. GuldenschafT Köln, GW I 701) des Doppeltraktates vorkommt (Kolping, Abbrev. S. 78 demnach zu verbessern). Gegenüber "Die Drucke" und "Abbreviation" benutze ich jetzt als zusammenfassende Siglen für den niederrhein. Text 3 (bisher 51) mit 41 (C), 42 (P 511) und 411 (511), für den bayerisch-österreichischen Text 4 (bisher 3/ 52) mit den Untergruppe 41 (3, Ulm-Augsburg. Text), 412 (32) und 42 (52, süd-östlicher Text). Die Siglen des südwestlichen Textes 1 und des italienisch-spanischen 2 bleiben.' 3 ) Mit Ausnahme des Anfanges von CD Bo S. 191 text: Quia autem de sacramento altaris multa sunt quae specialem habent difficultatem, ideo haec ad finem reservavimus. Freilich gibt es auch in CD Fälle, wo innerhalb desselben Traktates kein Bezug auf schon Gesagtes genommen wird, vgl. Bo 268 b bzw. 370 b mit 406 a bzw. 409 b, wo beide Male und gleich behandelt wird, warum nach der Wandlung trotzdem noch von dem panis und calix die Rede sei, obwohl sie schon Leib und Blut Christi geworden. 4 ) Zur Fractio panis vgl. Bo 265 b, während sM Bo 157 einen Hinweis auf Behandlung in CD gibt, zum Ite missa est vgl. in tr. V Bo 347 und in tr. VI Bo 358 b. Doch darüber unten S. 5, 1. Abs. 5 ) In tr. VI während der langen Ausführungen über die Konsekrationsform (Bo 385-414 b) keine Erinnerung an sM, wohl aber sM Bo 123 Hinweis auf CD. 6 ) Während die Konsekrationsform sM breviter transcurrendo behandelt werden sollte, ist das für die umgebenden Gebetstexte sM nicht der Fall. Dennoch finden wir in der Behandlung der auf die Konsekration folgenden Texte CD Bo 405-414 keinerlei Bezugnahme auf sM. 7 ) Bo 122 b text: Haec breviter de confectione sacramenti transcurrimus, quia post officium Missae specialem de hoc tractatum longum faciemus, in quo ipsum sacramentum in sex generibus ponemus, scilicet in genere gratiae, in genere doni, in genere eibi, in genere communionis, in genere sacrificii et in genere sacramenti. Ponemus et singulorum generum species et differentias, et propria et erTectus subtiliter investigabimus. Et ille tractatus supplebit prolixe quidquid hic est breviter transcursum. Si enim hic ille tractatus positus fuisset, multa dici oporteret, quae ad officium Missae non multum videntur pertinere. Vielleicht wäre auch die Aufzählung unter A. 68 noch auszuwerten. 8 ) Zu den alttestamentlichen Typen der Eucharistie sagt der Verfasser Bo 128 b text: Et de hoc in ante habitis satis dictum est, et multa de hoc in ultimo tractatu scribuntur (mit Hss-Gruppe 12 und 2, B und TR, gegen scribentur codd). Zu der Brotbitte im Vaterunser heißt es abschließend B 152 b: Et quia infinita sunt hic dicenda de hoc pane, in fine post officii Missae expositionem resumentes tractabimus de ipso cum subtilitate. Bo 157 b: De fractura autem illa et masticatione et contritione multa in sequentibus dicemus, quae usque illus differemus, quia hic sine magno dispondio huius tractatus dici non possent. Er denkt an CD tr. III subd. I c. VII (Bo 285 ff). Zur Entstehungsgeschichte der Meßerklärung Alberts des Großen 3 In der Erklärung zum Neunten Artikel des Nicaeno -Constantinopolitanum 9 ) ist die Bezugnahme auf CD auffälligerweise im Perfekt gehalten: Et de hoc in libro de corpore Christi satis dictum est. Damit muß wohl CD gemeint sein 10 ). Man könnte an sich mit Bezug auf "Christi" meinen, daß es sich um einen anderen Traktat als den albertinischen CD handeln müsse. In dem Explicit des 2. Traktates ist nämlich die Rede von der Summa de corpore domini. Doch will das nicht viel besagen. Auch in der handschriftlichen Uberlieferung findet man sehr oft "domini" durch "Christi" bei Bezeichnung des Traktates 11 ) ersetzt. Während also sonst die Hinweise in sM auf CD im Futurum stehen 12 ), als wolle der Verfasser den Traktat CD noch schreiben, hat er im Rahmen jenes Neunten Artikels diese Fiktion vergessen und sich an das gehalten, was schon vorlag, nämlich CD. Jenes Explicit zu CD ist wohl in seinem Text und in seiner Stellung unmittelbar nach dem systematischen Traktat ebenfalls ein Beweis dafür, daß dieser ursprünglich ohne den Zusammenhang mit der Meßerklärung geschrieben war. An sich könnte, bei dem vordringlichen Charakter, den das hl. Sakrament auch in der Meßerklärung einnimmt, in dem Explicit die Meßerklärung cinbeschlossen gedacht sein. Aber offenbar war für eine technische Bezeichnung der Meßerklärung die Wahl doch auf einen anderen Ausdruck gefallen. SM 13 ) sagt der Verfasser: "Propter preces multorum suseipimus ad tractandum mysteria Missae." Ungeachtet der bekannten Ablehnung, die der Verfasser in teils sehr scharfen Worten gegen eine allegorische Meßerklärung ausspricht 14 ), übernimmt er hier doch die traditionelle Vorstellung von den im 9 ) Bo 72 b. Weder von A. Fries noch von Jorissen erwähnt. 10 ) CD tr. III, subd. IV, c. III (Bo 326 a s text): Debet autem aeeipi (eucharistia) in caritate ecclesiasticae unitatis, quia apud schismaticos et haereticos hoc sacramentum ad salutem non invenitur ... ecclesia unita corpus Christi est mysticum, quam significat corpus Christi verum, quod sub forma panis continetur . . . Haec unitas ecclesiastica est unica tunica inconsutilis quae etiam a crueifixoribus scindi non potuit. Unter den Belegen fehlt in CD die einzige in sM Bo 72 b erwähnte Stelle Cant. VI (8): "Una est columba meä, die sM 97f nochmals in gleichem Zusammenhang gestanden hatte. "_) So schon Toledo, Cabildo de la Catedral 17-18 (Sigl T), s. XIII ca finem. Auch auf der Tabula des Ludwig von Valladolid (Scheeben Les 6crits S. 6) und Petrus von Preußen (ebd. S. 25) heißt die Summa so. Siehe auch unten A. 21. 12 ) Man beachte auch oben Anm. 8 Bo 128 b text das Praesens: scribuntur! 13 ) Bo 5 text. SM Bo 152 b nennt er den ersten Teiltraktat officii Missae expositionem. SM 87a spricht er von der expositio des Gloria. 14 ) Vgl. bei dem Kyrie (Bo 16 b text: Huiusmodi adaptationes quae non nisi in numero concordant, pro certo parum valent et in multis sunt derisibiles), bei der Zahl der Meßcollectae (Bo 42 f; Tales rationes penitus nullae sunt et derisibiles), bei dem Stillgebet der Secreta (Bo 80 b: Weil keine Anzeichen für Jesu Sichverbergen in den Sekretgebeten sich finden, ideo apud me nihil valent tales adaptationes), bei dem laut gesprochenen Per omnia saecula (Bo 80 b: Zur Erklärung durch die in der Palmwoche wieder einsetzende laute Predigt Jesu dico quod hoc meo iudicio nihil valet ad propositum, et quod saneti aliquando hoc dicunt, pro certo sunt quaedam ex parva convenientia sumptae adaptationes), bei den Kreuzen im Kanon (Bo 100 b die ersten drei wegen der Verhöhnungen vor den Hohenpriestern, dem Herodes und Pilatus: est derisio, quia de hoc nulla fit mentio in littera; B 118 text die fünf vor der Wandlung, deren allegorische Erklärungen er bezeichnet als absurda . . . deliramenta et hominum illitteratorum qui se doctores profitentur insanias et nugas. Et suis doctrinis detestabilem faciunt theologiam, bei den fünf nach der Wandlung Bo 126 b text: Quod autem quidam dicunt hic quinque cruces fieri propter Christi quinque vulnera, reputo derisionem), bei dem späteren Altarkuß und den beiden Kreuzen über Hostie und Kelch und der Eigenbekreuzigung des Priesters (Bo 130 b: Judaskuß, vineula et tractiones quibus trahebatur dominus ad Annam pontificem, Sputa quibus consputus est dominus . . . omnino profanum est, et omnibus fidelibus abominandum), bei der Erhebung der Stimme zum Nobis quoque (Bo 137 b text: Quod significat Christi cum clamore in cruce mortem, reputo derisionem, quia submisse clamat sacerdos, et Christus clamavit alte, et propterea nulla fit in littera mentio de Christi clamore), bei dem Schweigen des Kanons (Bo 141 b: Daß es jenes abgeschiedene Schweigen bezeichne, quod dominus cum diseipulis habuit, quando sermone finito oravit tertio, non credimus et derisionem reputamus, quia nulla de hoc penitus fit mentio in littera), vor allem aber bei Erklärung der Communio (Bo 163 a: Freude über die Auferstehung und die Wiederholung sei Andeutung des freudigen Weitersagens der Auferstehungskunde, welche Erklärung er nicht für wahr hält, weil daran nicht die Bezeichnung Communio erinnert und weil meist von Auferstehung in diesen Gesängen gar nicht die Rede sei. Verum tarnen est, quod antiqui monachi quidam hoc tradiderunt, cuius aliam non puto causam esse, nisi quia meüus aliquid tradere nescierunt.). Bo 90 a: "Et de hoc .. . byssus habet", wurde von der Ausgabe Köln 1477 (Sigl K) eingefügt, ist also zu streichen.
doi:10.5282/mthz/708 fatcat:pqfm2epvuvg65gmao6l7qrxvty