Nationales Selbstverständnis und politische Ordnung. Abgrenzungen und Zusammenleben in Ost-Mitteleuropa bis zum Zweiten Weltkrieg. Hrsg. v. Hans Hecker und Silke Spieler

Ursula Häckermann
2016
Beginnen wir mit dem Negativen: Wenn ein Buch den obigen Titel erhält, müssen sich die Herausgeber der Tatsache bewußt sein, daß sie damit beim Leser zunächst einmal hohe Erwartungen wecken: Wie werden diese weitgefaßten Begriffe definiert und gefüllt? Leider wird der Leser hierin enttäuscht, und es entschuldigt die Herausgeber auch nicht, daß es sich bei dem Titel um das gleichnamige Thema der 1989 stattgefundenen Fachtagung der "Kulturstiftung der Deutschen Vertriebenen" handelt. Das Problem
more » ... ndelt. Das Problem liegt in der Themenstellung selbst begründet, denn der Antagonismus von nationalem Selbstverständnis und politischer Ordnung in der ostmitteleuropäischen Region hätte einer viel genaueren Definition und entsprechender Rückbezüge der Beiträge hierauf bedurft. Daß die Herausgeber selbst offenbar Probleme mit der weitgefaßten Vorgabe hatten, zeigt ihre eigene Untersuchung über Städtetypen in Ost-Mitteleuropa, die willkürlich zusammengetragene Einzelbeobachtungen (z.T. einzelner Personen) zu einem unzulässigen pauschalen Gesamtbild komponiert. Gerade wegen der Aktualität des Themenkomplexes wäre mehr Präzision nicht nur wünschenswert gewesen! So aber erscheinen Aufsätze in dem Band, die beim besten Willen keinen oder nur geringen Bezug zum Titel erkennen lassen. Dazu gehören die -an sich sehr interessanten -Beiträge von Romedio Graf von Thun-Hohenstein (dem Autor der exzellenten Hans Oster-Biographie) über "Die militärstrategische Lage Polens im Jahre 1939" sowie Alexander Uschakows Betrachtungen über "Nationale Identität und Recht"; letztere liegen nicht nur zeitlich, sondern auch thematisch in einem völlig anderen Bereich. Ihre Erkenntnisse sind allerdings sehr wichtig, da Uschakow angesichts der aktuellen Umbrüche in Osteuropa konstatiert: "Es könnte sich am Ende herausstellen, daß für den Zusammmenbruch der sozialen Utopie das Fehlen einer wirksamen Rechtsordnung verantwortlich war" (S. 39). Und damit wären schon die positiven Merkmale angesprochen: Die meisten Beiträge sind qualitativ hervorzuheben, wenn sie auch z. T. nur am Rande nationale Probleme aufgreifen. Zu nennen wäre hier neben den oben erwähnten der Aufsatz von Gabriel Adriänyi über das Verhältnis zwischen katholischer Kirche und dem litauischen und polnischen Staat sowie der ukrainischen unierten Kirchen. Die Untersuchungen finden sich wieder in Adriányis umfassender "Geschichte der Kirche Osteuropas im 20. Jahrhundert" (Paderborn 1992), woraus schon hervorgeht, daß der Schwerpunkt mehr in der Kirchengeschichte als im vorgegebenen Thema liegt. Produktiv auf die eingangs genannte Problematik geht der Aufsatz von John W. Hiden über "Minderheiten, Diplomaten und Wirtschaft" ein, der untersucht, welche Rolle die deutsche Minderheit im Baltikum im Kalkül der deutschen Außenpolitik der Zwischenkriegszeit spielte, und zu dem interessanten Schluß kommt, daß die drei Faktoren Minderheitenpolitik, Wirtschaftspolitik und Auswahl der Gesandten in einem konstruktiven Sinn das Verhältnis zwischen Deutschland und den baltischen Staaten beeinflußten.
doi:10.18447/boz-1994-1391 fatcat:r37xsqsqqjfn5lztcczyu3xtxm