»Heult doch!« [chapter]

2020 Jahrbuch für Kulturpolitik 2019/20  
Der Essener Kabarettist und Satiriker Hagen Rether erinnert in der jüngsten Ausgabe seines Programms, das seit nunmehr 15 Jahren »Liebe« heißt, an die ungleichen Versuche von Ex-FBI-Chef James Comey und Papst Franziskus, Donald Trump öffentlich zusammenzufalten. Er habe sich, vor dem Fernseher sitzend, dabei erwischt, dass er jeweils Comey und dem Papst die Daumen gedrückt habe. Irgendwann habe er sich allerdings gefragt, ob er verrückt geworden sei: er, daumendrückend, auf der Seite von
more » ... er Seite von FBI-Bossen und Päpsten? Er kommt schließlich zu dem Ergebnis, dass heute alles möglich werde, wenn nur der Referenzpunkt tief genug hänge. Etwa so ist es mir ergangen, als die Teilnehmer*innen der Konzeptions-Runde des Kulturpolitischen Bundeskongresses vor zwei Jahren mit dem Vorschlag auf uns zukamen, Heimat zum Thema des diesjährigen Kongresses zu machen: Waren es nicht die Rechtspopulisten, die den Begriff in die politische Debatte eingeführt hatten, um ethnisch definierte Privilegien einzufordern, frei nach dem Orwellschen Paradigma »Alle sind gleich, manche sind gleicher«? Muss man denn über jedes Stöckchen springen, das einem hingehalten wird? Ist uns überhaupt bewusst, wie hier mit dezidiert gesetzter Sprache tektonische Verschiebungen in der Gesellschaft erzeugt werden? Sprache spiegelt nicht nur gesellschaftliche Realität, sie schafft sie auch. Bemerkenswert ist, dass die Debatten des letzten Bundeskongresses, der noch die globale Perspektive fokussiert hatte, nachwirken. Die Analysen der Politikwissenschaftler und Soziologen wie Wolfgang Merkel oder Andreas Reckwitz, nach denen neben die vertikale Schichtung von Arm und Reich, Status und Stellung eine eher horizontale Struktur der Kulturalisierung tritt und an Dominanz ge- 51
doi:10.14361/9783839444917-007 fatcat:3lyadtszxrgkpljdc32itlyli4