Semi Meyer (Danzig), Probleme der Entwicklung des Geistes. Die Geistesformen. Leipzig, J. A. Barth, 1913. 429 S. 13,00 M

Berthold Kern
1914 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Danzig), Probleme der Entwicklung des Geistes. Die Geistesformen. Leipzig, J. A. Barth, 1913. 429 S. 13,00 M. Besprochen von Berthold y. Kern (Berlin). Im Laufe der jüngsten Jahrzehnte haben unsere Anschauungen über die urgeschichtlichen und die außermenschlichen Vorstufen des Geisteslebens einen grundsätzlichen Umsturz erlitten. Ehedem gingen die Anschauungen über jene Vorstufen immer von dem entwickelten Denken des Kulturmenschen aus und legten dessen Art zu denken auch den Vorstufen bei,
more » ... Vorstufen bei, wenn auch nur in rudimentären Formen und Bestandteilen. Das übliche Ergebnis war der allgemeine Animismus, der mmdestens allen helebten Wesen eine immaterielle Seele zuschrieb und weiterhin alle Lebenserscheinungen so deutete, als ob sie von geistigen Trieben beherrscht wurden. In diesem Fahrwasser suchte man auch in den ersten Ursprüngen des menschlichen Kulturlebens bereits eine Denkweise von urteilendem, motivierendem, begreifenwollendem und phantastischem Typus, mit der man die primitiven und sich entwickelnden Lebensgebrauche erklären zu können glaubte. Hiermit indes waren jene Stufen der Geisteseutwicklung entschieden zu hoch bewertet, die Konsequenzen führten zu abenteuerlichen Vorstellungen und machten eine Revision des Ausgangspunktes solcher Auffassungen notwendig, die sich auf dem Boden der naturwissenschaftlichen Entwicklungslehre vollzog. An Stelle der psychischen traten die biologischen Vorgänge in den Ausgangspunkt der hierauf gerichteten Untersuchungen. Das ist der Boden, aus dem das vorstehende Werk herausgewachsen ist und den es mit beachtenswerter Objektivität und Entschiedenheit vertritt. In gediegenen biologischen und psychologischen Untersuchungen rollt der Verfasser die Fragen des Bewußtseinsaufbaues auf und führt die Betrachtung bis zur Vollendung der menschlichen Geistesform durch. Diese letztere ist cm regeirechtes Ergebnis der organischen Entwicklung überhaupt, die schöpferisch ist und Neues schafft, die in jedem ihrer Gebilde Selbstzweck zeigt, und nicht einen unfertigen Uebergangszustand. Für die Entwicklung ist ein Präformationsprinzip ebenso wie ein Zielprinzip abzulehnen, obwohl wir anderseits die eigentlichen Triebkräfte der Entwicklung auch noch nicht annähernd begreifen. Jedenfalls aber ist der Entwicklung des Geistes nicht das psychologische Prinzip des Erkennens, sondern das biologische, aus der natürlichen Anlage und aus ererbten Mechanismen hervorgehende Grundprinzip des Handelns als anbahnende und überall ausschlaggebende Triebkraft zugrunde zu legen und dieser weiterhin das menschliche Gemeinschaftsleben als wirkungsvollster Hebel zur Seite zu stellen. Der Geist ist zunächst ein Stück des tierischen Lebens, aber eine unüberbrückbare Kluft liegt zwischen diesem und dem menschlichen Geiste mit seiner Selbstbewegung und der Stoßkraft seiner Eigenausbildung. Nichtsdestoweniger dient auch die menschliche Geistesform lediglich dem Leben, und ihre Entwicklung muß aus dessen Bedingungen heraus begriffen werden. Uebrigens ist es keineswegs der Wille, auf den der Verfasser hiermit abzielt; seine Bewertung als Urelement wird vielmehr durchaus abgelehnt und ihm nur die Bedeutung einer Wirkensform und eines Zusammenhangs im Wirken belassen. Das Wesen des Geistes ist das Bewußtsein, und dieses entspringt dem Leben als eine Summe funktioneller Erscheinungen mit der Grundfunktion des Unterseheidens und mit dem Grundcharakter der Einheit. Seine Urform ist das vorerst zeit-und raumlose Empfinden, das einfachen Unterscheidungen von Reizen dient; erst zum späteren Erwerb gehört das Gedächtnis (richtiger gesagt: die Erinnerung) und die Gefühle (als Wertungen der Reize). Auch der Instinkt ist als geistige Tätigkeit zu erachten; zwar sind die Instinkthandlungen fertig ererbt und vollziehen sich -im vollen Gegensatz gegen die Eigenart der menschlichen Handlungen -ohne Zielsetzung, aber auch in ihnen ist die Mitwirkung von Empfindungen, auf höherer Stufe von Wahrnehmungen und schließlich auch von Vorstellungen als Band zwischen Reiz und Antwort erkennbar. Beim Menschen beginnt unter dem Einfluß der Gefühle das Instinktleben sich umzuwandeln in ein Zielleben. Das bedeutet nicht eine einlinige, sondern eine Entwicklung nach entgegengesetzten Richtungen. Erst beim Menschen erlangen die Gefühle eine tiefer greifende und einflußreichere Bedeutung für Sicherung des Daseins und für Leitung der Handlungen und sind das grundlegende Merkmal für die menschliche Eigenart, in der sie geradezu an die Stelle der tierischen Instinkte treten und diese verdrängen. Das Schlußglied der menschlichen Geistesentwicklung ist der Wille als eine eigenartige Verkettung der gesamten geistigen Vorgänge im Dienste der Handlung; er verwertet die ererbten Bewegungen und bildet sie um in der Kenntnis des Erfolges und im Sinne des Zieles. Hier setzt die Uebung und die Mechanisierung der erlernten Bewegungen ein als Gedächtnisarbeit und als Sicherung des Gedächtniserwerbs; aber nichts von alledem kann Dieses Dokument wurde zum persönlichen Gebrauch heruntergeladen. Vervielfältigung nur mit Zustimmung des Verlages.
doi:10.1055/s-0029-1190123 fatcat:njnu35ccrral7eockczysokz6y