Die strukturelle Perspektive auf globale Gerechtigkeit und die Verantwortung epistemischer Gemeinschaften [chapter]

Lisa Herzog, Nicole Wloka, Detlef Daniels, Julian Nida-Rümelin
2019 Internationale Gerechtigkeit und institutionelle Verantwortung  
Die vorliegende Datei wird Ihnen von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften unter einer Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 4.0 International (cc by-nc-sa 4.0) Licence zur Verfügung gestellt. Die strukturelle Perspektive auf globale Gerechtigkeit und die Verantwortung epistemischer Gemeinschaften Dass die heutige Welt nicht gerecht ist, folgt aus quasi jeder Theorie globaler¹ Gerechtigkeit, und sei sie noch so minimalistisch. Angesichts von Bürgerkriegen,
more » ... Bürgerkriegen, Flüchtlingswellen, Hungersnöten, Epidemien, den ungleichen Auswirkungen des Klimawandels und vielen anderen Problemen mit vermeidbaren, unschuldigen Opfernbei gleichzeitig immensem und weiter wachsendem Wohlstand einer kleinen globalen Elitestellen sich selbst für diejenigen, die auf der internationalen Ebene nur von Hilfspflichten ausgehen, drängende Fragen danach, warum nicht mehr passiert, um zumindest die größte Not zu lindern. Doch sehr viele gutgemeinte Versuche der "Entwicklungshilfe" sind in der Vergangenheit wenig erfolgreich gewesen (z. B. Moyo 2010). Obwohl sich in einer Reihe wichtiger Länder die wirtschaftliche Lage der unteren Mittelschicht verbessert hat (z. B. Milanovich 2016), ist ein Ende der Armut nicht in Sicht. Diese praktischen Herausforderungen tragen zu den Zweifeln daran bei, ob es so etwas wie "internationale Gerechtigkeit" überhaupt geben kann. In diesem kurzen Beitrag gehe ich von der Notwendigkeit aus, die strukturellen Dimensionen der derzeitigen Situation ernst zu nehmen. Die strukturelle Perspektive hilft zu verstehen, warum sich viele Versuche, Armut zu lindern und benachteiligten Gruppen zu besseren Lebenschancen zu verhelfen, als wenig erfolgreich erwiesen haben. Dabei möchte ich allerdings weniger ein eindimensionales Bild von "Zentrum" und "Peripherie" zeichnen,² sondern vielmehr argumentieren, dass in verschiedenen Dimensionen globaler Strukturen jeweils Formen struktureller Ungerechtigkeit vorliegen. Diese multidimensionale strukturelle Perspektive wirft auch neues Licht darauf, wie die Verantwortung für den Kampf gegen strukturelle Ungerechtigkeit verteilt werden kann. Die Frage danach wird sowohl auf der Ebene der Moralphilosophie als auch auf der der politischen Philosophie gestellt: Welche Verantwortung haben Individuen, zu internationaler  Ich verwende im Folgenden den Begriff "globaler" Gerechtigkeit, weil dieser von den von mir herangezogenen Autor*innen größtenteils verwendet wird. Damit soll keine Vorentscheidung (etwa anhand der Unterscheidung "global" vs. "international") zugunsten einer bestimmten Gerechtigkeitskonzeption getroffen werden.  Dies war die Perspektive der "Dependenztheorie" der 1960er Jahre. Siehe z. B. Risse 2005.
doi:10.1515/9783110615876-022 fatcat:k7zudl7zonepnp7o57emepz7we