Untersuchungen über Chorio- und Retinopathien am Taubenauge nach artifiziell herbeigeführtem Hyphaema [thesis]

Cordula Gabriele Müller
2010
A. EINLEITUNG Blutungen am Auge von Vögeln nach Einwirkungen von Traumata werden zahlreich beobachtet. Am häufigsten hinsichtlich der intraokularen Blutungen nach Trauma (ca. 38%) werden zum überwiegenden Teil (ca. 80%) Blutungen ausgehend vom Pecten oculi und der Choroidea in den Glaskörper und Veränderungen am Augenhintergrund diagnostiziert. Demgegenüber werden Blutungen in die vordere Augenkammer relativ selten beobachtet (Korbel, 1999 ). Ein Grund für die Anfälligkeit des Vogels für
more » ... s Vogels für Traumen am Auge ist, dass der besonders beim Vogel sehr exponiert liegende Bulbus oculi vor traumatischen Einflüssen (Anfliegen gegen Hindernisse wie Fensterscheiben, Autounfälle) nur sehr unvollkommen geschützt ist. Die Resorption dieser Blutungen dauert Wochen bis Monate, was auf die nur sehr schwach ausgeprägte fibrinolytische Aktivität bei Vögeln zurückzuführen ist (Korbel, Grimm, 1989). Die regelmäßig zu beobachtenden Erblindungen werden dadurch verursacht, dass es in Folge einer resorptionsbedingten Retraktion von an der Retina anhaftenden Fibrinclots zu einer Amotio kommt. Derartige traumatische Blutungen stellen ein großes Problem vor allem für freilebende Vogelgruppen dar, da sie das Fliegen beeinträchtigen. Dies hat bei Vögeln, die sich durchweg visuell orientieren, zur Konsequenz, dass im Erblindungsfall in Abhängigkeit ihrer Haltungsform (Wildvogel, Volierenvogel, Käfigvogel) eine Indikation zur Euthanasie (Unvermögen der Futter-und Wasseraufnahme beim Ziervogel in der Voliere, fehlende Rehabilitation eines Wildvogels in die freie Wildbahn) gegeben ist. Daraus ergibt sich die Fragestellung der tierschutzrechtlichen Relevanz für die Haltung blinder oder sehbehinderter Vögel. Ziel dieser Studie ist die Untersuchung der Folgen eines künstlich herbeigeführten Hyphaemas auf das Taubenauge. LITERATURÜBERSICHT 2 B. LITERATURÜBERSICHT 1. Anatomie des Vogelauges 1.1 Grundlagen der Anatomie des Vogelauges Bulbus oculi Einen großen Teil des Kopfes nehmen beim Vogel die Augen ein. Beim Menschen sind dies nur 1%, während es bei den Hühnervögeln 7 -8.5%, bei den Tauben 17 -21.5% und bei den Greifvögeln und Eulen sogar 22 -32% des Kopfgewichtes ausmachen (Reese et al., 2009). Die Augapfelform unterscheidet sich bei den verschiedenen Vogelspezies, so besitzen Tauben eine flache, Taggreifvögel eine globuläre, Eulen eine tubuläre und Entenvögel eine flachglobuläre Augapfelform. Der Augapfel der Taube besitzt einen Äquatordurchmesser von 15 mm und einen Längsdurchmesser von 10,5 mm (Frewein, Sinowatz, 1992). Die Augenhöhle ist ventral weit offen. Durch Anteile der Ossa frontale, squamosum, laterosphenoidale, lacrimale und ectethmoidale wird diese eingegrenzt. Der obere Augenbogen (Margo supraorbitalis) stellt die dorsale und kaudale Begrenzung dar. Während die Papageien einen knöchernen unteren Augenbogen (Margo infraorbitalis) besitzen, ist bei den meisten Vogelspezies dieser nur als faszienartiges Band (Ligamentum suborbitale) ausgebildet. Das Septum interorbitale zwischen den Augen ist knöchern und nur sehr dünn oder bei jungen Greif-und Rabenvögeln nur häutig. Der periorbitale Fettkörper der Säugetiere wird bei allen Hausvögeln durch ein Luftkissen in Form des großen Sinus infraorbitalis ersetzt. Bei der Taube ist er an der rostroventralen Fläche des Bulbus oculi klein ausgebildet und reicht auch nach lateral weniger weit als zum Beispiel beim Huhn (Frewein und Sinowatz, 1992). Die Wand des Augapfels gliedert sich in die Tunica fibrosa seu externa bulbi, die Tunica vasculosa seu media bulbi (Uvea) und die Tunica interna bulbi (Retina). LITERATURÜBERSICHT 3 Zur Tunica fibrosa seu externa bulbi gehören die undurchsichtige, weiße und blutgefäßarme weiße Augenhaut (Sclera), die hyaline Knorpelplatte (Lamina cartilaginea sclerae), die den Augenhintergrund unterstützt und um den Sehnerveneintritt zum Os nervi optici verknöchern kann. Der knöcherne Skleralring (Anulus ossicularis sclerae), der aus 10 bis 18, meist jedoch 15, einzelnen Knochenplättchen (Ossicula sclerae) besteht, ist vogelspezifisch und dient dem Schutz des Vogelauges. Den Übergang zur durchsichtigen, blutgefäßfreien und sehr gut innervierten Kornea bildet der Limbus corneae mit Pigmenteinlagerungen am äußeren Rand der Kornea. Die Tunica vasculosa seu media bulbi, auch als Uvea bezeichnet, besteht aus der Iris, dem Corpus ciliare und der Choroidea. Die Regenbogenhaut ist spezies-, geschlechts-und altersabhängig. Beim Kakadu besitzen die weiblichen Tiere eine braune bis rote Iris, die männlichen eine schwarze Iris. Tauben besitzen reflektierende Iridozyten, die den für Taubenzüchter wichtigen Wertring (Anulus iridis) bilden. Das Corpus ciliare verankert die Linse im Augapfel, verformt die Linse und Kornea und stellt den zentralen Bestandteil des Akkommodationsmechanismus dar. Die Verformung der Linse und Kornea wird durch die Ziliarmuskulatur, den M. ciliaris anterior (Crampton-Muskel) und M. ciliaris posterior (Brücke-Muskel), bewirkt. Der Ziliarspalt (Sinus cilioscleralis) teilt den Ziliarkörper in eine äußere und innere Platte. Er steht mit der vorderen Augenkammer über den Kammerwinkel in einer weit offenen Verbindung. Das Ligamentum pectinatum zeigt den Übergang zum Kammerwinkel an und ist an der Irisbasis der Sklera verankert. Die Choroidea geht kaudal der Ora serrata, der Grenze zwischen Ziliarkörper und peripherer Netzhaut, aus dem Ziliarkörper hervor. Ihre Hauptfunktion besteht in der Ernährung der avaskulären Retina durch Diffusion. Tagaktive Vögel besitzen eine pigmentreiche, und nachtaktive Vögel eine schwach bis überhaupt nicht pigmentierte Aderhaut. Nie kommt jedoch ein Tapetum lucidum wie beim Säugetier vor. LITERATURÜBERSICHT 4 Die Tunica interna bulbi bildet die avaskuläre Retina. Diese ernährt sich aus den Kapillarnetzen der Lamina choroideocapillaris und dem stark durchbluteten Pecten oculi. Das Pecten oculi verdeckt größtenteils die Eintrittsstelle des Nervus opticus. Auf den genauen Aufbau und die Besonderheiten wird später eingegangen. Bestandteile des Augeninneren Weitere Bestandteile des Augeninneren sind die Linse (Lens), die Augenkammern (Camera bulbi), das Kammerwasser (Humor aquosus) und der Glaskörper (Corpus vitreum). Die durchsichtige, verformbare bikonvexe Linse besteht aus der Linsenkapsel (Capsula lentis), dem Linsenäquator (Equator lentis) und dem Ringwulst (Pulvinus anularis lentis). Die Linsenkapsel, die aus dünnen Kollagenfaserlamellen und amorphem Glykoprotein besteht (Frewein und Sinowatz, 1992), bildet eine semipermeable Barriere, durch die Nährstoffe in den Linsenkern diffundieren können, aber Linsenprotein nicht aus der Linse entweichen kann. Bei Austritt von Linsenprotein entsteht als immunologische Reaktion auf dieses eine Endophthalmitis phakoanaphylactica. Diese wird am häufigsten bei Hund, Katze, Kaninchen und Käfigvögeln (Psittaciden spp.) gesehen (Schäffer, 1999). Der Linsenäquator liegt den Ziliarfortsätzen an und die Spitzen sind mit der Linsenkapsel verwachsen. Der für das Vogelauge typische Ringwulst legt sich gürtelförmig um den Linsenäquator. Die Zellen eines einschichtigen Epithels unter der Linsenkapsel, die zum Linsenäquator hin länger werden und schließlich sechseckige, radiär zur Linsenachse gerichtete Prismen bilden, schließen sich dann zum Ringwulst zusammen. Die Bedeutung des Ringwulstes ist noch nicht eindeutig geklärt. Vermutet werden eine nutritive Funktion und eine Funktion für die Schnelligkeit der lenticulären Akkommodation (Reese et al., 2009). LITERATURÜBERSICHT 5 Man unterscheidet wie auch beim Säugetier zwischen einer vorderen und einer hinteren Augenkammer. Die vordere Augenkammer (Camera anterior bulbi) wird von der Hornhaut, der Linsenvorderfläche und der Iris gebildet, während die hintere Augenkammer (Camera posterior bulbi) sich zwischen Irishinterfläche, Linsenperipherie und dem Ziliarkörper ausdehnt.
doi:10.5282/edoc.12005 fatcat:a6tpm7essnalbksjg45gcu37pq