Ueber Tetanie bei Kohlendunstvergiftung5)

A. Voss
1892 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Vor drei Monaten habe ich als Assistenzarzt Gelegenheit auf der hiesigen medicinischen Klinik gehabt, einen Fall von Kohlendunstvergiftung zu beobachten, der nach mancher Richtung hin interessant war. Ich wollte mir erlauben, Ihnen kurz über denselben zu referiren; gestatten Sie, dass ich Ihnen zunächst die Krankengeschichte verlese. Es handelt sich urn die Familie des Steinschlägers Rose aus Greifswald. Die drei Kinder haben vor 7 Jahren in Stralsund, wo der Vater 9 Jahre beschäftigt war,
more » ... schäftigt war, Typhus überstanden. Das älteste Kind, ein Mädchen, ist vollständig genesen, die beiden Knaben haben eine Neigung zu Darmkatarrhen behalten, so dass sie bei jedesmaligem Diätfehler von neuem an Diarrhoen zu leiden hatten. Nach Angabe des Vaters sollen die Söhne gerade in den letzten Wochen mit einem solchen Katarrh behaftet gewesen sein. Am 30. October 1891 befand sich das Elternpaar auf Arbeit ausserhalb der Wohnung, nur die Söhne waren in derselben. NachJem sie in der Küche sich Mittag gekocht, heizten sie um 5 Uhr in der Stube ein. Die Eltern legten bei ihrer Rückkehr noch etwas Kohle nach. Um 8 Uhr waren die Kohlen bis auf kleine Stücke ausgebrannt, die Ofenthür und Ofenklappe wurde geschlossen. Dann ging die Familie zu Bett. Die Knaben waren sehr ausgelassen, so dass sie der Vater energisch zur Ruhe weisen musste. Die Wohnung der Familie besteht aus Stube und Kammer. In der Stube nahe am Ofen schlafen die Eltern. An der Wand dem Ofen gegenüber führt eine Thür in die Kammer, dem Schlafraum der Söhne. Die Wände der Kammer sind feucht. Die Thür stand in der Nacht weit offen. Etwa 61/2 Uhr morgens erwachte der Vater und fand sich in der Nähe der Thür auf dem Erdboden liegend. Er empfand heftige Kopfschmerzen, versuchte sich aufzurichten, fiel indess sofort wieder hin. Er rief seine Frau, dieselbe antwortete nicht. Mit Mühe schleppte er sich zu ihrem Bett. Sie athmete, erwachte aber, selbst als er sie heftig schüttelte, nicht. Auch von seinen Kindern erhielt er auf sein Rufen keine Antwort. Auf allen Vieren kroch er in die Kammer und sah den ältesten Sohn von 16 Jahren bleich, 5) Vortrag, gehalten im Greifswalder medicinischen Verein. mit Schaum vor dem Mund ohne Athmung daliegen, den jüngeren, I 2 Jahre alt, noch schwach athmen. Nun taumelte der Vater zur Thür und rief die Nachbarleute , die ihrerseits den Arzt holten. Derselbe fand den ältesten Sohn todt, den jüngeren noch schwach röchelnd. Nach Ihjection von zwei Spritzen Aether camphoratus hob sich die Athmung etwas. Dann ordnete er die Ueberffihrung in die Klinik an, wo er um 9'/2 Uhr anlangte. Status präsens : Der Kranke , von seinem Alter entsprechender Grösse und Körperentwicklung, zeigt bleiche Gesichtsfarbe; die Lippen livide, die Augen geschlossen. Hebt man die Lider auf, so sieht man die Pupillen weit geöffnet, ohne Lic.htreaction, die Augen in pendelnder Bewegung von rechts nach links sich verschieben, zeitweise auch Nystagmus von oben nach unten. Cornealreflex vorhanden. Der Kranke reagirt auf lautes Zurufen in keiner Weise. Die Respiration ist oberflächlich, beschleunigt, der Mund geschlossen, die Nasenflügel erweitern sich im Inspirium. Schon aus der Ferne hört man grossblasiges Rasseln. Der Puls ist sehr beschleunigt, 184 in der Minute, leidlich kräftig. Die Muskulatur erscheint tetanisch contrahirt, Beine in Streckung, Arme in rechtwinkliger Beugung und Adduction, Hände halb geschlossen. Die Nates und Oberschenkel sowie die Kleidungsstücke sind mit hellbraunem Koth beschmutzt. Zunächst wird als Hautreiz zûr Anregung dr Respiration der faradische Strom angewendet. Schon bei geringer Stärke contrahiren sich die Muskel lebhaft. Ein Einfluss auf die Athmung wird nicht bemerkt. Der Kranke wird deshalb in ein lauwarmes Bad von 280 gebracht, nachdem vorher eine Spritze Aether camphoratus applicirt war, und ihm Brust und Rücken mit kühlem Wasser begossen. Nach anfänglicher Besserung der Respiration lässt sie wieder nach und wird sehr oberflächlich. Es werden daher im Bade künstliche Athmungsbewegungen gemacht und ca. eine halbe Stunde fortgesetzt. Danach hat sich das Trachealrasseln fast ganz gehoben, der Kranke athmet. spontan, die Herzthätigkeit ist etwas geringer geworden (152); das Bewusstsein noch nicht zurückgekehrt. Um '/ I 1 Uhr wird der Kranke in ein gewärmtes Bett gelegt. Respiration ist ruhiger, 56 in der Minute, ohne Rasseln, Puls 132. Muskulatur schlaff. 10 Uhr 55 Minuten tritt wieder ein Erregungszustand auf. Dabei ist bemerkt, dass bei Druck auf die Haut langsame Contractur der betreffenden Muskulatur erfolgt. Tetanische Contraction der Muskulatur der oberen Extremitäten in halber Beugung und Adduction und Trismus. 11 Uhr IS Minuten Nachlassen des Trismus. Deshalb wird ein Mundspatel eingeführt und der Rachenraum vom Schleim gereinigt. 1 1 Uhr 45 Minuten kommt wieder ein charakteristischer Anfall zur Beobachtung. Hand im Handgelenk und Metacarpophalangealgelenk gebeugt, in den Interphalangealgelenken gestreckt. Daumen stark adducirt. Beine gestreckt. Dabei besteht Trismus und Facia!iskrampf. Stirn gerunzelt, Mund nach vorn gezogen. Nackenmuskulatur nicht afficirt. Athmung durch Betheiligung der Athmungsmuskeln sehr erschwert. Der Puls ist bis auf 148, Respiration auf 72 im Anfall gestiegen. Patellarreflexe sind normal. Darauf tritt vollständige Intermission des Krampfes ein. Bald kehrt er jedoch in aUer Stärke zurück. Die Anfälle werden häufiger. Steigende Frequenz der Athmung und des Pulses; zunehmendes Lungenödem. Nachdem noch eine vorübergehende Besserung durch einen Aderlass und Infusion erzielt, tritt um 4 Uhr der Exitus ein. Die Section ergab neben Lungenödem und frischer Bronchopneumonie nicht ganz frische Schwellung der Follikel der Darmschleimhaut der Peyerschen Plaques , der Lymphdrüsen im Mesenterium, der MiIz ; im Hirn und Rückenmark nichts. Bei dem todtgefundenen Bruder lagen ähnliche und mehr acute Entzündungserscheinungen im Darm vor. Es waren also Befunde, wie man sie ebenso bei Kindern trifft, die dem Typhus erlegen sind. Im physiologischen Institute ist das Blut beider untersucht worden. Bei dem älteren Bruder hat sich spectroskopisch deutlich, wenn auch relativ sehr schwach, COHämoglobin nachweisen lassen, bei unserem Patienten nicht. In den im hygienischen Institut angelegten Culturen aus MiIz und Lymphdrúsen sind keine Colonieen von Typhusbacillen aufgegangen. Nach dem pathologischen Befunde konnte man daran denken, dass die Kinder einem Typhus erlegen seien. Dagegen spricht aber die Euphorie an den vorangegangenen Tagen und das negative Resultat der Culturversuche, während die pathologischen Veränderungen sich ungezwungen aus dem chronischen Darmkatarrh der nach dem (Jeberstehen des Typhus zurtickgeblieben, erklären lassen. Dass in Wirklichkeit eine CO-Vergiftung vorgelegen habe, ist aus den charakteristischen Symptomen, die Vater und Mutter dargeboten haben, und aus dem positiven Ausfall der CO-Probe im physiologischen Institute mit Sicherheit zu entnehmen. Aber es hat sich nur um relativ sehr geringe Mengen von CO gehandelt. Das zeigt die geringe Deutlichkeit des spectroskopischen Bildes im Blute des ältesten, das negative Ergebniss bei dem des zweiten Knaben. Das beweist auch die schnelle Wiederherstellung der Eltern. Der Vater konnte schon am Vormittag wieder seiner Arbeit nachgehen, die Mutter war am Nachmittag leidlich wohl, nur etwas schläfrig. Und die Eltern hatten in der Nähe des Ofens geschlafen, die Söhne in einem Nebenzimmer. Dennoch wurden die Söhne ein Opfer der Vergiftung. Die klinische Beobachtung kann vielleicht im Verein mit dem Sectionsergebniss diesen Widerspruch erklären. Es waren beobachtet tonische, intermittirende Krämpfe, die hauptsächlich die Extremitäten-und Gesichts-, und in geringem Grade die Kaumuskulatur betrafen. An den Extremitäten waren hauptsächlich die Flexoren, Adductoren, Pronato ren befallen, nur das Bein im Kniegelenk gestrckt, die Patellarreflexe normal. 894 DEUTSCHE M}iDICINISCHE WOCHENSCHRIFT No. 40 Dieses Dokument wurde zum persönlichen Gebrauch heruntergeladen. Vervielfältigung nur mit Zustimmung des Verlages.
doi:10.1055/s-0029-1199423 fatcat:d67x6fr4pjf5jgrmqcewm6awk4