Einführung [chapter]

Stefan Hannes Greil, Martin Przybilski
2020 Nürnberger Fastnachtspiele des 15. Jahrhunderts von Hans Folz und seinem Umkreis  
Den vorreformatorischen Fastnachtspielen Nürnberger Provenienz begegnete die Forschung lange Zeit zumindest mit Distanz, meist jedoch mit Ekel, 1 vernichtende Urteile begleiteten sie über Jahrhunderte. 2 Es ist das Verdienst E. Catholys, dass die Spiele trotz aller unstrittigen Defizite erstmals überhaupt als literarische Werke wahrgenommen wurden. In der Folge etablierten sich zunehmend ästhetisch wertneutrale literaturwissenschaftliche, 3 volkskundliche 4 und kulturwissenschaftliche 5
more » ... ensweisen, deren Ziel das Verstehen, nicht die Verurteilung der Spieltexte ist. Seit den 90er Jahren geriet das Genre zunehmend und in verschiedenerlei Hinsicht in den Fokus des soziohistorischen bzw. soziokulturellen Interesses, 6 insbesondere unter dem Aspekt der Erörterung des subversiven Potentials. 7 Dabei sind die teilweise kontroversen Versuche der Verortung der Spieltexte keineswegs unumstritten. Der 2009 erschienene Tagungsband Ridder: Fastnachtspiele des Kolloquiums von 2007 in Blaubeuren spiegelt den aktuellen Forschungsstand und vermittelt die gegenwärtig verhandelten Fragestellungen und verschiedenartigen Herangehensweisen an den Komplex des vorreformatorischen Fastnachtspiels. Die Spiele sind trotz ihrer robusten Schlichtheit als literarisch-dramatische Kunst-und Ausdrucksform zu verstehen. Eine abschließende literatur-bzw. kulturgeschichtliche Einordnung oder gar Würdigung blieb und bleibt aufgrund der Fremdartigkeit der Texte, ihrer historischen wie sozialen Implikationen, ihrer thematischen Derbheiten und strukturellen wie auch ästhetischen Defizite jedoch schwer. 8 Seitens der Forschung ging man vorzugsweise eben jene Spiele an, die aufgrund ihrer literarischen oder thematischen Qualitäten modernen Rezeptionsgewohnheiten eher entgegenkommen und beleuchtete sie primär aus dieser Position. Infolgedessen wurden  1 Vgl. Bastian: Mummenschanz, S. 52; Froning: Drama, S. 961f.; Goedeke: Grundriss, S. 325ff. XII  Einleitung lange die Spiele ausgeblendet, die scheinbar ohne ästhetischen Reiz oder wahrnehmbaren Sinn auskommen: Texte, in denen prahlende Bauern, wütende Ehefrauen, skatologische Speisevorschläge und überzeugte Arbeitsverweigerer im Zentrum standen, wurden zu Unrecht kaum berücksichtigt. Aufgrund ihes hohen Anteils am Gesamtvolumen der Fastnachtspiele ist das unangebracht. Bei der Rekonstruktion der Rezeptionsgewohnheiten des Zuschauers müssen diese Spiele stärker berücksichtigt werden, möglicherweise müssen diese Thematiken als primär gattungskonstituierend angenommen werden. Die Texte werfen vor allem Fragen auf nach dem seinerzeit gültigen Verständnis von Komik und deren Verhältnis zu sozio-ökonomischen Zusammenhängen und politischen Hintergründen, vor denen sie inszeniert wurden. Insbesondere die Übertretung bzw. Einhaltung sozialer Standards in den Spieltexten liegt für den heutigen Betrachter oft unstrukturiert nebeneinander. Der seinerzeit beteiligte Zuschauer war hingegen offensichtlich imstande, die innerhalb der vergnüglichen Unterhaltung angelegte Didaxe herauszufiltern. Die Spiele können insofern trotz oder gerade wegen all der noch zu beschreibenden kompositorischen und stilistischen Schwächen, brachialen Derbheiten und logischen Brüche bei der Rekonstruktion von Realitätskonzeptionen einer sich emanzipierenden stadtbürgerlichen Bevölkerung behilflich sein. Die wirtschaftlichen Entwicklungen und geistigen Strömungen des 15. Jahrhunderts führten in weiten Teilen der Bevölkerung zu erheblichen Verlustängsten und metaphysischen Irritationen (siehe: 1.5.1 Die historische Situation -Allgemein). Die Lübecker Spiele bspw. thematisierten den Wertverlust bürgerlicher Tugenden gegenüber ökonomischen Partikularinteressen. 9 Hieraus eröffnete sich jedoch die Möglichkeit zur Herausbildung neuer literarischer Konzepte: Die Bindungskraft tradierter Muster ist gemindert, die Anzahl erprobender, neuer Spielarten potentiell erweitert. Die Spieltexte sind aber noch nicht als Produkte kritisch argumentierender Individuen im modernen Sinne zu verstehen, zu stark sind die habituellen Verwurzelungen in älteren Strukturen und Mustern. Die Spiele spiegeln nicht nur einen historisch messbaren Wertewandel, sie werden in rezeptionsästhetischer Hinsicht gleichzeitig von ihm getragen. Vor dieser Folie des Möglichen, vor der sich in bis dato unbekannter Weise das Schaffen des Einzelnen herausbilden und organisieren konnte, stärker herausgelöst aus kollektiven, allgemeingültigen Verbindlichkeiten und Konzeptionen, sind die Spiele auch als Schöpfungen von Privatpersonen für Privatpersonen innerhalb eines lokal umschriebenen Raums mit seinen spezifischen Ordnungs-und Deutungsmodellen zu sehen. Es ist bislang unzureichend versucht worden, diese neuen Funktionen und deren Folgen für die Inhalte und für das Arrangement der Spiele in Verbindung zu den konkreten  9 Vgl. Linke: Aspekte, S. 15. Was sind Fastnachtspiele?  XIII Produktionsbedingungen und -möglichkeiten der Verfasser zu setzen. Stattdessen erfolgten Untersuchungen allzu häufig zu thematischen Ausreißern politischen oder religiösen Inhalts, die eine Annäherung vermittels eines neuzeitlichen literaturwissenschaftlichen Werkzeugkastens aufgrund ihrer argumentativen Strategien zwar erleichtern, die aber eben bei Weitem nicht die Mehrheit innerhalb des frühen Nürnberger Fastnachtspielkorpus ausmachen. . Was sind Fastnachtspiele? Trotz bestehender Einigkeit bezüglich der literaturwissenschaftlichen Verortung bzw. Abgrenzung der Spiele ist eine spezifische Beschreibung der gattungskonstituierenden Merkmale kaum möglich. 10 Wenn im Folgenden von Fastnachtspielen die Rede sein wird, so bezieht sich dies stillschweigend auf die vorreformatorischen Fastnachtspiele aus der Reichsstadt Nürnberg. Auf Fastnachtspiele aus der Schweiz, Lübeck oder Sterzing sind die Äußerungen ebenso wenig zu beziehen wie auf die nachreformatorischen Nürnberger Spiele, insbesondere die des Hans Sachs, des Peter Probst und des Jakob Ayrer. Der folgende Versuch kann insofern nur als Mittel zum Zweck in Bezug auf die vorliegende Edition verstanden werden. So sollen im Folgenden solche Texte als Fastnachtspiele verstanden werden, die meist um die Fastnacht öffentlich dramatisch umgesetzt wurden oder aufgrund der Textstruktur zumindest dramatisch umgesetzt werden konnten. Meist eingerahmt von einer Ein-bzw. Ausschreierrede, die die Bühnensituation erklären und in das Spielgeschehen ein-und aus ihm herausführen soll, werden oftmals in loser Reihung, seltener dialogisch, Alltagsszenen derb-komisch überspitzt bzw. in ihr Gegenteil verkehrt umgesetzt. Die Anzahl der Verse liegt in der Mehrzahl der Texte bei 200 -350, deutlich umfangreichere Spiele bleiben die Ausnahme. Es handelt sich dabei häufig um die Schilderung von Szenen des stadtbürgerlichen Alltags: Streitereien unter Eheleuten, Gerichts-und Werbeszenen, Eheschließungen, mehr oder minder erfolgreiche Liebesabenteuer, kulinarische Ausschweifungen, Szenen aus dem Arbeitsleben oder Schilderungen körperlicher Dysfunktionen und deren Therapierung. Anknüpfungen an literarisch-poetische Traditionen, politische Ereignisse oder religiöse Themenkomplexe sind die Ausnahme, 11 historische Inhalte in unserem modernen Verständnis fehlen abgesehen von R 16 ,Klerus und Adel' und R 47 ,Des Türken Fastnachtspiel' im Werk des Hans Folz gänzlich. Die Art der Schilderung dieser meist banalen Szenen steht häufig in Opposition zu seinerzeit gültigen ästhetischen wie ethischen Normen. Die intendierte Absicht der Spiele ist zunächst komische Unterhaltung im Rahmen fastnächtlichen Brauchtums.  10 Vgl. Brett-Evans: Hrotsvit, S. 143; Habel: Motiv-und Stoffbestand, S. 130ff. 11 Vgl. Grafetstätter: Ludus; anders von Lüpke: Fastnachtspiele, S. 53 und passim.  12 Vgl. Nöcker/Schuler: Überlieferung, S. 363; Habel: Zeugniswert, S. 106. 13 Grafetstätter: Ludus, S. 8ff. Editionsprinzipien  XV Einige Teileditionen 14 konnten die genannten Defizite partiell ausgleichen und waren bei der Entwicklung der Editionsprinzipien und Kommentierungskonventionen überaus hilfreich. . Editionsprinzipien Es wurde nach dem Leithandschriftenprinzip unter Einbeziehung aller ermittelbaren Textzeugen verfahren. Die Texte sind, sofern dort enthalten, nach der Wolfenbütteler Handschrift G ediert. Varianten weiterer Zeugen wurden im Lesartenapparat verzeichnet. 15 Der Editionstext ist diplomatisch widergegeben, lediglich Abbreviaturen wenig sinnvoll erscheinender Dittographien am Wortende wurden zwecks besserer Lesbarkeit nicht umgesetzt. Notwendige Eingriffe in den Editionstext sind markiert und im textkritischen Apparat aufgelöst. Ergänzungen werden in spitze Klammern gesetzt, Streichungen werden in eckige Klammern gesetzt, Änderungen werden durch Kursivierung markiert. In der jeweiligen Fußnote erscheint zunächst die rekonstruierte, dahinter, durch eine eckige Klammer abgesetzt, die in der Handschrift vorgefundene Schreibung. Die Seitenzahlen der Kellerausgabe (KF) werden ebenso wie die Paginierung der Überlieferungsträger rechts mitgeführt. Formale wie motivische Parallelen innerhalb des Fastnachtspielkorpus werden ebenfalls in den Marginalien geführt. In drei Fällen lag ein Spiel in jeweils zwei Fassungen vor, die einen zusätzlichen Abdruck rechtfertigten (siehe auch die Endkommentare zu den Spielen F 86, F 103 und F 106). Hier wurde jeweils zunächst die Leithandschrift wiedergegeben, gefolgt vom jeweiligen Endkommentar und daran anschließend die Variante. Zu Beginn des Editionsvorhabens wurden die bei Keller abgedruckten Spieltexte in zwei Teilkorpora gesplittet. Da sind zum einen diejenigen, die aufgrund einer Autorsignatur mit Sicherheit aus der Feder Hans Rosenplüts (geb. um 1400, gest. um 1460) stammen, 54 an der Zahl, sowie 26 Spiele, für deren Verfasserschaft Rosenplüt mit einiger Gewissheit anzunehmen ist. Daneben steht das in dem vorliegenden Band bearbeitete, weniger konkret umrissene Teilkorpus. Hier finden sich neben von Folz signierten Spieltexten auch solche, die seitens der Forschung Hans Folz mehr oder minder wahrscheinlich zugewiesen bzw. in dessen literarischem Umfeld verortet werden. Diejenigen der bei Keller gedruckten Texte, die keinem der beiden Verfasser zuzuschreiben sind und für die Nürnberg als Entstehungsort nicht in Frage kommt, sind in der vorliegenden Edition nicht berücksichtigt.  14 Vgl. Ridder/Steinhoff: Nürnberger Fastnachtspiele; Spriewald: Folz-Auswahl; Thomke: Deutsche Spiele; Wuttke: Fastnachtspiele. 15 Vgl. Nöcker/Schuler: Überlieferung, S. 364ff.  16 Vgl. Janota: Art. ,Hans Folz', Sp. 779. Die historische Situation  XVII Kollektiv erfahrene ökonomische Krisen wie Teuerungen infolge der Spekulation mit Lebensmitteln sind ebenfalls Folgen dieses neuen Wirtschaftsgefüges. Gleichzeitig erwuchs mit der Westexpansion des Osmanischen Reiches eine Bedrohung von außen. Demgegenüber schwand der Glaube an die Autorität und Legitimität des Kaisers, das Ende des Heiligen Römischen Reiches als Garant für eine verlässliche Grundordnung schien nahe zu sein. Aus diesen ökonomischen und politischen Verschiebungen sowie regelmäßigen Seuchenzügen erwuchs eine allenthalben anzutreffende, literarisch wie historisch mannigfaltig belegbare Verunsicherung weiter Teile der Bevölkerung. Die hieraus resultierenden kulturellen Entsprechungen und Entwicklungen (R 47 ,Des Türken Fastnachtspiel', die Visionen Johannes Lichtenbergers, zahllose Praktiken, Apokalypsen und Totentänze, die weit verbreitete Ars moriendi-Literatur) sind als Begleiterscheinung, als Eindruck und Ausdruck für das kollektive Bewusstsein maßgeblich und prägend. Hiermit einhergehend formierte sich ein distanzierterer Umgang mit religiösen Institutionen, die den Ansprüchen einer zunehmend irritierten Bevölkerung in ihren erstarrten Strukturen kaum mehr zu genügen vermochten. Den Menschen der Vormoderne ist generell ein deutlich geringeres Maß gesellschaftlicher Regulierung des Trieblebens zu unterstellen, sie sind wesentlich unvermittelter agierend zu denken. 17 Auch die Intimisierung körperlicher Funktionen ist gegenüber unseren Auffassungen noch wenig vorangeschritten. 18 Man kann ihnen schließlich eine deutlich höhere Bereitschaft zu dem modernen Menschen unvernünftig erscheinenden Handlungen unter Ausblendung möglicher Konsequenzen und Sanktionen attestieren. 19 Diese Unmittelbarkeit gegenüber thematischen Komplexen wie Diätetik, Sexualität und Gewalt gilt es auf dem langen Weg hin zu Einordnung und Verständnis der Spieltexte stets zu bedenken, wenngleich in stadtbürgerlichen Kontexten eine allmähliche Privatisierung einsetzte und die ostentativunreflektierte Präsentation von Körperlichkeit zumindest tendenziell seinerzeit bereits als abwegig und anachronistisch angesehen wurde. .. Stadtgeschichte Die Reichsstadt Nürnberg war im ausgehenden Mittelalter das florierende und pulsierende Zentrum für Kultur, Handwerk und Handel auf deutschem Reichsgebiet. 20 Infolgedessen regten sich seitens des umliegenden Landadels Begehrlichkeiten hinsichtlich des städtischen Erzabbaus und Versuche der juristischen Einflussnahme. Die historische Situation  XIX Auch innerhalb der Handwerkerschaft und des Händlertums verschärfte sich zusehends die wirtschaftliche Situation. In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts wuchs der ökonomische Druck insbesondere auf die kleineren Produzierenden und Gewerbetreibenden, die verstärkt untereinander in Konkurrenz gedrängt wurden. In dieser Zeit verloren insbesondere die kleinen Handwerksbetriebe wirtschaftlich und sozial zusehends an Boden. 25 Immer mehr Mitglieder der anfänglich handwerklichen Mittelschicht sahen sich im Zuge dieser sozialen Marginalisierung und ökonomischen Deklassierung gezwungen, Schuldner jüdischer Geldverleiher zu werden. 26 Hiermit einhergehend lassen sich verstärkt wirtschaftlich motivierte Agitationen gegen Angehörige dieser Religionsgemeinschaft konstatieren. 27 Grundsätzlich waren weite Teile des sozialen Lebens wie auch des dichterischen Schaffens durch eine Unzahl reglementierender Dekrete und Erlasse des Rats der Stadt geprägt. 28 Unter anderem war es Handwerkern nicht gestattet, sich offiziell gemeinschaftlich zu organisieren. 29 Janota vermutet, dass die Entstehung der allerorten neu entstehenden Singschulen, in denen das stark religiös angebundene Meisterlied von Handwerkern eingeübt wurde, gewissermaßen als Umgehung dieses Versammlungsverbots zu bewerten ist. 30 Gleiches gilt für die Laienspielertruppen, die gemeinsam die Fastnachtspiele einstudierten. Daneben belegen zahlreiche Ratsverlässe die in den Spieltexten häufig thematisierte sexuelle Promiskuität indirekt und zeigen die auch hier weit reichende Einflusssphäre städtischer Regulierungsbestrebungen auf Bereiche, die heute intim oder privat verhandelt werden. 31 Die auf wirtschaftliches Prosperieren angelegte kaufmännische Führungsschicht schickte die männliche Nachkommenschaft zunehmend zu vorzugsweise juristischen Studien nach Italien. Hier kamen die Bürgersöhne erstmals mit Ideen und Inhalten des Humanismus in Kontakt. 32 Als Niederschlag dieses so importierten Gedankenguts sind die Nürnberger Chroniken Sigmund Meisterlins und Hartmann Schedels aus den letzten Jahrzehnten des 15. Jahrhunderts zu verstehen. Nahezu zeitgleich ge- 25 Vgl. Bastian: Mummenschanz, S. 38ff.; Endres: Sozialstruktur, S. 198. 26 Vgl. Michelfelder: Tätigkeit, S. 255ff.; Toch: Geldhandel, S. 309. 27 Auf ökonomische Interessen als ein zentrales Movens für antijüdische Agitation hat die Forschung bereits mehrfach im Zusammenhang mit dem Folzschen OEuvre hingewiesen (vgl. hierzu Wenzel: Judenproblematik, hier bes. S. 104 und Janota: Hans Folz, hier bes. S. 82). Kritisch zu dieser Annahme äußert sich dagegen Rautenberg: Werk, die in ihrem Beitrag Drucke Folzscher Reimpaarsprüche untersucht.
doi:10.1515/9783110452006-001 fatcat:mhvqijn5mrgf3mgghfos2qotiu