Zur Pathologie und Therapie der Narbenschrumpfblase

Desider Ráskai
1901 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Die unter obigem Titel im Anschluss an einen sehr schönen Fall erfolgten Ausführungen von Dr. Alfred Rothschild in No. 6 und 7 dieser Wochenschrift veranlassen mich zur Publizirung eines einschlägigen Falles, den ich in der dermatologischen und urologischen Sektion des Königlich ungarischen Aerztevereins zu Budapest am 19. März 1900 vorgestellt habe. Ich habe mit der Veröffentlichung des Falles gezögert, weil ich fast zur gleichen Zeit durch die Liebenswürdigkeit des Herrn Prof. Pertik das
more » ... of. Pertik das pathologisch-anatomische Präparat einer Schrumpfblase zur histologischen Untersuchung erhalten habe, deren Ausführung ich jedoch, in Folge anderweitiger Inanspruchnahme, noch nicht beenden konnte. Herr Rothschild ist im vollen Rechte, wenn er die geringe Rücksichtnahme, die die meisten Autoren diesem Leiden bewiesen, hervorhebt. Die breitere Behandlung und genauere Betrachtung der Pathologie und Therapie dieser Erkrankung damit motivirt, dass verhältnissmässig wenig Ausführliches über dieses Leiden und seine Therapie in der Litteratur niedergelegt ist. Auf den von mir beobachteten Fall ilbergehend, theile ich folgendes mit: B. M., ein 49jähriger Mann, hatte vor fünf Jahren seinen an-')Archiv für experimentelle Pathologie und Therapie Bd. XXXVI 2) Vortrag, gehalten auf dem XVIII. Congress für innere Medizin. Zeitschrift für physikalische und diktetische Therapie 1900, 2. Heft. geblich ersten Tripper. Die mit sehr geringen Entzilndungserscheinungen und mässigem Ausfluss einhergehende Erkrankung heilte nach 5-6 Wochen mit Hinterlassung eines zeitweise auftretenden Bremiens während der Miktion. Nach einigen Monaten trat ganz unvermittelt eine in sehr häufigem, heftig auftretendem Urinreiz sich äussernde Verschlimmerung seines Zustandes ein, das llamen wird sehr schmerzhaft, die Schmerzen steigern sich gegen Ende des Aktes bis zu krampfartigen Zusammenziehungen. Seit der Zeit liessen die Schmerzen nach, die terminalen Tenesmen hörten auf, der häufige Harnreiz jedoch nicht, steigerte sich sogar, von zeitweiligen Remissionen abgesehen, immer mehr, so das der Kranke sich mehrmals ins Spital aufnehmen liess, wo er meistens innerlich behandelt wurde. Im Monat Dezember des Jahres 1899 wurde der Kranke auf die Abtheilung des Herrn Prof. Rona aufgenommen. Harnröhre für Bougie à boule Char. 23 leicht durchgängig, kein Sekret. Prostata etwas härter. In der Blase 10-15 g Residualharn, der Urin ist getrübt, enthält viel Epithel, wenig Eiterzellen. Die Blase fasst 20-30 g Flüssigkeit, eine Steigerung dieser Menge verursacht unerträgliche Schmerzen. Mit dem Schnabel des eingeführten Explorateurs können wir nur kleine Bewegungen machen, fühlen aber nur glatte Wände. Der Kranke urinirt bei Tage alle 1/2__3! Stunde, der sofortige Befriedigung erheischende Urindrang äussert sich in einem in der Blasengegend auftretenden, sehr heftigen Schmerz, der während des ganzen Harnaktes bestehen bleibt, gegen Ende desselben sich jedoch nicht steigert. In der Nacht ist die Frequenz beinahe dieselbe, der Schmerz weckt ihn auf ; wenn er nicht sofort erwacht, nässt er ins Bett, die überschüssige Menge fliesst ab. Die Blase konnte die zur cystoskopischen Untersuchung nöthige Menge nicht fassen, so dass ich von derselben absehen musste. Die Behandlung bestand in täglichem Ablassen des Urins, in sehr vorsichtigen Waschungen mit 2 % iger Borsäurelösung und in G u y o n ' schen Instillationen von '/ % bis 1 /2 % iger Argentum nitricum-Lösung, jeden zweiten Tag. Der Zustand des Kranken besserte sich nach vier Monaten insofern, als sowohl die Schmerzhaftigkeit des Dranges, als die des Harnens sich verminderte und so das Uriniren selbst auch etwas seitencr wurde; die Blase fasst 40--60 g Flüssigkeit.. Sowohl aus den oben angeführten Symptomen als auch aus dem objektiven Befund der Untersuchung konnte das klinisch streng umschriebene Bild der Schrumpfblase festgestellt werden. Die Diagnose Schrumpfblase ist oft keine leichte. Am häufigsten wird sie einerseits mit der conzentrischen Hypertrophie der Blase verwechselt (bei welcher die Dicke der Wände durch Gewebevermehrung hervorgerufen wird und die Verminderung des Blasenhohiraumes durch die trabekuläre Hypertrophie der einzelnen Muskelbündel bedingt ist), andererseits mit einer Form der reizbaren" Blase, die besonders bei Frauen sehr häufig den ganzen Symptomencomplex der Schrumpfblase vorzutäuschen vermag. Allen diesen Prozessen ist die geringe Blasenkapazität gemeinsam, während aber dieselbe in den letzteren Fällen zumeist von der Empfindlichkeit der Schleimhaut gegen Dehnung bedingt ist und in der Narkose oder selbst bei physiologisch tief em Schlaf leicht eliminirt werden kann und unter solchen Umständen eine bedeutende Steigerung der Kapazität zulässt, ist dieses geringe Fassungsvermögen bei der Schrumpfblase schon anatomisch und kann als solches unter gar keinen Umständen gesteigert werden. Dieser Umstand ist es, welcher trotz der relativen Seltenheit der Erkrankung') der Diagnose kein bloss theoretisches oder spezialistisches Interesse verleiht. Die Diagnose ist wichtig in Folge der Verschiedenheit der einzuschlagenden Therapie, und in diesem Punkt stehe ich im Gegensatz zu Rothschild, wie er selbst in der Epikrise seines Falles im Gegensatz zu den allgemeinen Bemerkungen steht, die er derselben vorausschickt. In den typischen Fällen von Schrumpfblase -und hier kann nur von solchen die Rede sein -, in den Fällen, in denen die interstitiellen Veränderungen schon in einen Stillstand getreten sind, in denen die Detrusormuskulatur so gut wie ganz dem Narbengewebe gewichen ist« (die Veränderungen im Sphinkter sind viel seltener und meistens sekundärer Natur), also in den Fällen, die mit dem Namen Schrumpfblase" mit Recht belegt werden können, ist jede Therapie, die auf eine Dehnung des Blaseninnern hinzielt, nicht nur erfolglos, sondern mit Rücksicht darauf, dass sie durch neuerliche Irritation der Blasenschleimhaut deren Empfindlichkeit steigert, die noch bestehende Kapazität vermindert, direkt gefährlich. Sämmtliche Autoren, die Rothschild in vollständiger Weise anführt, wie dies übrigens auch Rothschild selbst betont und neuerdings Feleki2) in einer bezüglichen Arbeit scharf pointirt, heben die Erfolglosigkeit der Dehnungsversuche bei Schrumpfblase hervor. Es ist dies eine so feststehende Erfahrung, die nebenbei ihre Begründung auch in dem pathologisch-anatomischen Prozess der Erkrankung ') Ich selbst habe während einer mehr als achtjährigen Spitalpraxis nur zwei Fälle zu beobachten Gelegenheit gehabt. 2) F ele k i, Ueber interstitielle blennorrhoische Blasenentzündung. Schwimmer's Jubiiäumsschrift 1897, Fester medizinisch-chirurgische Presse 1899. 298 DEUTSCHE MEDICIIflSCHE WOOHENSCHRrFT. No. 19 Dieses Dokument wurde zum persönlichen Gebrauch heruntergeladen. Vervielfältigung nur mit Zustimmung des Verlages.
doi:10.1055/s-0029-1186846 fatcat:ywb4vnhzgre25cnlsla3ahl53i